DIE SIRENEN UND DER TOD. MEIN BEITRAG ZUM PROJEKT „1000 TODE SCHREIBEN“

 

„Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist.“ (Christiane Frohmann)

#Zum Projekt

Christiane Frohmann, E-book-Verlegerin hat eine Vision. Texte über Tod sollen es sein, 1000 Stück an der Zahl, versammelt in einem Buch. Mit dem Projekt „1000 Tode schreiben“ ist sie ihrer Vision ein Stück näher gekommen. Schon zum dritten Mal flattern ihr ununterbrochen die Mails ins Postfach, Betreff: #1000Tode.

Die Texte kommen von verschiedenen Personen, es gibt keine Einschränkungen. Ob bekannte und berühmte Autor_innen, ob Dichter_innen oder Journalist_innen, ob Wissenschaftler_innen und Künstler_innen, ob Blogger_innen oder sonstwie schriftstellerisch-affine Menschen – alle können mitmachen und ihre verschriftlichten Gedanken zum Tod einreichen.

Da es jedoch die reinste Zumutung wäre, 1000 Texte auf Anhieb zu sichten, zu lektorieren, zu formatieren und zu veröffentlichen („print wäre verrückt“, wired), existiert, dem e-Book sei dank, eine Variante: Das 4-Phasen-Buch. Es erscheint, wohl portioniert, in vier Phasen. Bereits erschienen ist „1000 Tode schreiben“ in seiner zweiten Version, 2/4. Der Aufruf zur Version 3/4 läuft.

Und auch hier heißt es:

 

#Zum Sirenenmythos

Fast immer sagen uns die Mythen: Lauscht nicht den Sirenen, denn sie  bringen euch nur den Tod! Meist handelte es sich bei den Opfern um Männer (weil See-Männer, ihr versteht ;).

Wer sind sie? Was machen sie? Und vor allem: Warum singen sie die Männer in den Tod? Fragen über Fragen. Der Sache wollte dringend nachgehen. Aus purem Interesse, aus kulturwissenschaftlichem/ethnologischem Drang heraus, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und weil es ein Fall von „Auftrags“-Journalismus war (ishaltso).

#Fazit

Mit gänzlich neuen, mir bis dahin völlig unbekannten Erkenntnissen kam ich aus der Sache heraus. Quasi wiedergeboren, mit einem neuen Sirenen-Blick(!). Diese Odyssee habe ich nun in literarischer Art und Weise verarbeitet und meine Meinung an Frau Frohmann geschickt. Et voilà:  Ich bin dabei.

#Text 207

Von ihr stieg ein Geruch auf, ein magischer Geruch nach Meer, nach ganz junger Wolllust“, schildert der Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Begegnung seines Protagonisten mit einer Sirene.

Sirenen. Lange Zeit brachten sie mit schrillen Stimmen den Männern den Tod. In Homers „Odyssee“ hausten sie einst auf blumigen Inseln, umgeben von Schädeln und „moderndem Fleisch der Männer“. Groteske Mischwesen, halb Mensch, halb Vogel, mit Bart und Brüsten, Krallen und Federn – in ihrem gesamten Wesen symbolisierten Sirenen das Schemenhafte, das Undefinierbare, waren Zwitterwesen durch und durch.

Das Bild der männermordenden Furien, es brannte sich unserem kollektiven Abendlandsbewusstsein für lange Zeiten ein. Im Laufe unserer Kulturgeschichte, mit dem Aufkommen des Christentums wandelte sich jedoch dieses Bild.

Zuerst mussten sie Federn lassen. Sie wurden menschlicher. Genauer: Sie wurden weiblicher.

Das Animalische jedoch behielten die gewieften Kirchenväter bei.

Als Odysseus, der personifizierte Geist, dem Sirenengesang widerstand, siegte er über sie. Und somit auch über das „naturhafte“ Wesen der Frau, zu deren Projektionsfläche Sirenen durch Kirche & Co degradiert wurden. Eine Versöhnung zwischen Geist und Natur, so die Lesart, ist nur möglich durch weibliche Unterordnung. „Als Vogelfrauen hatten die Sirenen Männer vernichtet, als Meerweiber fielen sie ihnen zum Opfer,“ resümierte der Germanist und Mediävist Werner Wunderlich.

Mit der Betonung des Erotischen verblasste langsam das Bild der verstörenden, undefinierbaren, ja hässlichen Dämonin. Nun hieß es, Sirenen seien unmoralische Weibswesen, Sünderinnen par excellence, die sich dirnengleich ihrer Wolllust hingeben. Und damit sich selbst – und den Männern – Verderben bringen.

Verführerisch recken sie ihre Leiber entgegen. Verheißungsvoll glitzert ihr Fischschwanz in der Sonne. Schön anzusehen sind die Sirenen nun. Und sie sind stumm. Zahlreich in Prosa und Lyrik erfahren die Leser_innen sie als Liebesgespielinnen, als Projektionsfläche für erotische Phantasien.

Und doch – auch in diesen Sirenen-Erzählungen schwingt stets eine stille Sehnsucht mit: Dass sie wieder singen möge! „Sie ist das Flüstern“, schreibt der Autor Alfred Bennett, „das zu vernehmen alle Männer, ob bewusst oder unbewusst, herbeisehnen.“ Doch Singen bedeutet Sterben. Woher also diese Todessehnsucht? Vielleicht spüren sie, dass die Sirene die Wahrheit kennt, die Antwort auf die Fragen: „Wer bin ich? Warum bin ich hier?“

Ich bin alles, weil ich nur fließendes Leben bin, und nichts als das“, spricht die Sirene von Tomasi di Lampedusa es aus. „Ich bin unsterblich, weil aller Tod in mich einmündet, von dem des Stockfisches bis zu dem von Zeus; in mir vereinigt werden sie wieder zum Leben, das nicht mehr persönlich und begrenzt ist, sondern panisch und daher frei.“

Diese Erkenntnis, ja, sie bringt den Tod. Den Tod des alten „ich“, auf dass man(n) neu als Teil des Mysteriums namens „Lebe!“ entstehe.

 

#Zum Projekt

Apropos Todes-Projekt: Die Einnahmen aus dem Verkauf werden an das Kinderhospitz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

Wer also das Buch kauft, der tut etwas Gutes – und erfährt darüber hinaus, wie unsere Gesellschaft (bzw. die schreibenden und einsendenden Teile davon) in Bezug auf Tod & Co tickt.

P.S.: Der ursprüngliche Artikel trug den Titel „Der betörende Gesang der Sirenen – und was die Kirche daraus machte“ (Oktober 2013).

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