DIE VIELEN (UNIVERSIÄTS-)GESICHTER DER ETHNOLOGIE

…oder die Geburtsstunde der Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin

Wie kam es dazu, dass Ethnologie zu einem Wissenschaftsfach an den Universitäten wurde? Nun, anfangs war die Ethnologie bzw. Ethno-„graphie“ nur eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaften und der Geographie. Mit der Zeit wurden allerdings neben der Beschreibung der Erde zunehmend die Menschen interessant, die diese Erde bevölkerten. Die ersten, die diese fremden Menschengruppen und ihre Lebensweisen beschrieben, waren übrigens noch keine „Ethnologen“ – das Fach gab es noch nicht – sondern Forscher anderer Wissenschaftsfächer und Reisende.

Und so nahm das Wissen um Land und Leute stetig zu. Und irgendwann, um 1770, war es dann soweit – und das Fach Ethno-LOGIE „geboren“.

 

Wir sind zu GROß !!! Ausdifferenzieren bitte!

Das Interesse der Ethnologie galt also den vielen Völkern dieser Erde. Die ersten Forscher bemühten sich um die holistische, also ganzheitliche, Beschreibung eines Volkes. Sie nahmen daher alle Aspekte der Lebens- und Denkweisen der jeweiligen Menschengruppen unter die Lupe, hielten das Beobachtete fest, schrieben es nieder, brachten es in ihre Heimatländer zurück und veröffentlichten ihre Ergebnisse in Fachbüchern oder in Vorträgen.

 

Wir grenzen ein…auf die Regionen

Das Wissen wuchs. Und wuchs. Immerhin wollte man ja „nur“ die komplette Menschheit in ihrem Facettenreichtum erforschen 😀

Eine Aufteilung musste her. Und so entstanden verschiedene Subdisziplinen.

Folgende Schwerpunkte kann man zu den „typischsten“ in der Ethnologie zählen:

  • Kulturen eines Kontinents: Afrika südlich der Sahara, Lateinamerika, Australien, Ozeanien, Europa
  • Asien allein war zu groß, also erfolgte eine Aufteilung in Südasien, Südostasien, Nordasien, etc.
  • Mittelmeerraum (eigentlich eher ein historisch zusammenhängender Raum, aber naja, kann man machen)
  • Amerikanistik, Afrikanistik, etc.

Nicht ganz logische Formen gibt es auch – wie etwa Europäische Ethnologie (die eigentlich „Ethnologie Europas“ heißen sollte, so Hans Fischer).

 

Wir grenzen weiter ein … auf bestimmte Ethnien

Doch auch Amerika, Asien oder Afrika umfassten noch viel zu viel Interessantes und zu Erforschendes. (Ich meine, versucht mal, Amerika zu erklären…) Die die empirische Forschung eines jeden Ethnologen beschränkte sich daher meistens auf einen noch kleineren Teil der Bevölkerung.

Ihr müsst euch nur in die nächste Universitätsbibliothek verirren, dort in die Ethnologie-Abteilung schlendern und euren Blick über die Buchrücken schweifen – dann kommen euch Überschriften unter, wie

  • The Social Organization of the Kwakiutl (Franz Boas)
  • Argonauten des Westlichen Pazifik (Bronislaw Malinowski)
  • Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande (E.E. Evans-Pritchard)

Also: Die berühmten Ethnologen (die zu Beginn des Faches nun mal überwiegend Männer waren) schrieben tatsächlich meist nur über ganz bestimmte Ethnien.

Übrigens: Eben diese (regionale) Spezialisierung ist oftmals der Grund für die Scheu vieler Ethnologen vor Presseanfragen. Viele von ihnen fühlen sich nicht „berechtigt“ bzw. „wissend“ genug, Aussagen zu bestimmten Situationen innerhalb bestimmter Ethnien zu geben, zu denen sie keine Forschung betrieben haben. Auf dieses Problem bin ich bereits HIER eingegangen.

 

Wir grenzen weiter ein … auf kulturelle Teilbereiche

Neben der Region können bzw. haben sich Ethnolog_innen auf bestimmte Teilbereiche einer Kultur fokussiert. Die Themen-Vielfalt lässt sich nur erahnen. Und so kann es passieren, dass der angehende Ethnologiestudierende die Qual der Wahl hat, ob er oder sie ein Seminar in Wirtschaftsethnologie, Religionsethnologie und Kunstethnologie oder doch eher das über die Ethnologie des Geldes, die Medienethnologie und Verwandtschaftsethnologie besuchen will.

Dabei kann man sich darin entweder mit der Wirtschaft, Religion, Kunst einer Ethnie befassen oder man zieht mehrere Ethnien heran und arbeitet dann vergleichend.

Selbstverständlich finden sich hier Schnittmengen mit anderen Nachbardisziplinen, wie etwa den Religionswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Kunst oder Soziologie. Die Ethnologie bedient sich der Erkenntnisse der Nachbarn. Und lässt sich, bei Interesse, gerne auch über die eigene Schulter schauen.

 

… oder wir konzentrieren uns auf das Fach selbst: Fragestellungen, Methoden und Forschungsansätze

Nachdem das Fach den Kinderschuhen heraus entwuchs, entstanden neue Forschungsgebiete, die sich mit den Fragestellungen, theoretischen Forschungsansätzen oder Anwendungsbereichen befassten (z.B. die Ethnohistorie, Ethnopsychiatrie, Kognitive Ethnologie, Aktionsethnologie oder Museumsethnologie).

In welche Gebiete man im Laufe des Studiums eintaucht und worauf man sich spezialisiert, hängt nicht zuletzt und wie so oft von den individuellen Interessen und Begabungen und der bisherigen beruflichen und persönlichen Laufbahn des Forschers ab. In meinem Fall waren es die Themen Religion, Medizin und Medien – stets mit „-ethnologie“ hintendran, selbstverständlich (und interessanterweise mit sehr vielen Überschneidungen…).

Daher lohnt es sich allemal, bei Ethnologen genauer hinzuschauen und hinzuhören – vor allem wenn man Personaler ist und (interkulturell) kompetente, kreative und interessante Arbeitnehmer sucht 😉

 

 

(Zum Nachlesen: Hans Fischer, „Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin“ in: Ethnologie, Einführung und Überblick)

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