ETHNOLOGIE IM JOURNALISMUS

Dürfen wir mal stören?

Das Interesse an Ländern, Kultur und Leuten ist heute im Zeitalter der Globalisierung größer denn je. Die Welt dürstet es nach Wissen rund um Themen, mit denen sich die Ethnologen seit eher befasst haben. Als eine Art „Störwissenschaft“, im produktiven Sinne mischt sie kräftig in den bekannteren Nachbarfächern mit. Nur nicht in der Öffentlichkeit. Warum eigentlich nicht? Plädoyer für mehr Ethnologie im Journalismus.

Wir leben in einem Informationszeitalter. Ob in Zeitungen, im Internet, im Fernsehen, im Radio oder in Buchläden – tagtäglich konsumieren wir Nachrichten, was um uns herum – und dank der Globalisierung und der rapiden technischen Entwicklung von Medienplattformen – auch am anderen Ende der Welt passiert. Im Minutentakt informieren uns die Medien über Konflikte im Nahost, die neuesten Entwicklungen im Kampf gegen ISIS, die Ukraine-Krise, die Ebola-Epidemie, Geschichten über Flüchtlinge, Debatten um pluralistischen Sexualkundeunterricht in Schulen und dergleichen mehr. Wird man der Negativnachrichten müde, so schürt ein aufgeschlagenes Bildband über „Die letzten Paradiese der Erde“ oder eine Reisereportage über Nepal Fernweh-Phantasien – oder einfach mehr Lust auf neue, unbekannte Länder und Menschen.

Das Interesse an Themen, die um uns herum und in der Welt passieren sowie das Interesse an Kultur, an fremden Kulturen im Sinne von „fremde(n) Lebensformen, die gern als „ethnisch“ bezeichnet werden“ ist groß. Und: „Kultur ist heute überall“, schreibt Christoph Antweiler in seinem Buch Ethnologie. Ein Führer durch die populären Medien (2005). Ob in der Werbung, im Marketing, im Tourismus und in den Medien – ‚Kultur‘ als Schlagwort hat Hochkonjunktur. Die Menschen sind interessiert und neugierig, so Antweiler, sie wollen ihre Neugierde über Länder und Leute stillen. Sie wollen darüber lesen, sehen oder hören (Antweiler 2005).

WER SPRICHT DA? ODER ETHNOLOGEN, DIE SCHEUEN REHE

Schaut man hinter die Texte, Filme, Radiofeatures – wer da als Experte Interviews gibt – oder wirft einen Blick auf die Biographien der Medienschaffenden, so stellt sich heraus: Sie kommen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

Die interviewten Experten haben Politik oder Wirtschaftswissenschaften studiert, sie sind Religionswissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Historiker. Und auch die meisten Veröffentlichungen über ‚fremde Kulturen‘ kommen aus der Feder von Reiseschriftstellern, Abenteurern oder Journalisten (Antweiler 2005). Nur nicht aus der Ethnologie! Weder treten sie als Experten in Interviews in Erscheinung, noch greifen sie selbst zu Laptop, Kamera oder Mikrofon. Wie scheue Rehe lassen sie sich außerhalb der ihnen vertrauten universitären Wälder kaum blicken. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Dabei ist die Beschäftigung mit ‚fremden Völkern‘ und mit ‚Kultur‘ an sich doch lange Zeit das zentrale Charakteristikum eines Ethnologiestudiums gewesen. Auch heute noch trifft die Definition des Ethnologen Karl-Heinz Kohl einen zentralen Kern, nämlich:

„Die Ethnologie beschäftigt sich mit dem kulturell Fremden“ (Kohl 1993/2012).

Auch wenn es heute schwierig geworden ist, genau zu beschreiben, was nun unter ‚kulturell‘ und was unter ‚fremd‘ zu verstehen sei, was überhaupt der Forschungs-‚Gegenstand‘ der Ethnologie ist – spätestens seit der Writing-Culture-Debatte ist nämlich sowohl dieser als auch die Art und Weise, wie wir darüber schreiben (sollen) problematisch und zum Erörterungsgegenstand geworden. Nichtsdestotrotz: Das Interesse an Themen rund um ‚Kultur‘ und der/die/das Fremde, ist geblieben.

Man kann es ja nicht von der Hand weisen: Die ersten Ethnologen zog es in die Fremde. Sie reisten an die Peripherien der ihnen bis dahin bekannten Welt, mischten sich unter die ‚Eingeborenen‘, erforschten deren Lebensweisen, kehrten zurück – und fassten ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in zahlreichen Monographien zusammen, und taten das mit Titeln, die sowohl Exotik versprühten, als auch Fernweh und Abenteuer schürten: Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande, Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien und dergleichen mehr. Wenn man solche Titel heute liest, könnte man schon zugeben, dass es womöglich dieser ‚exotische‘ Touch ein Grund dafür ist, dass Ethnologen für die Menschen in der Öffentlichkeit (zumindest im deutschsprachigen Raum) noch immer nur als Spezialisten für ‚exotische Kuriositäten‘ gehalten werden oder als Experten für Gesellschaften in entferntesten Teilen dieser Welt (vgl. Antweiler 2005; Bierschenk, Krings & Lentz 2013). Wenn das Fach einem überhaupt etwas sagt.

Im weiteren Verlauf der (Fach-)Geschichte machte die Ethnologie viele, zum Teil schmerzliche Erfahrungen – diese lösten Debatten aus, in denen nicht nur einmal das „Ende der Ethnologie“ prophezeit wurde (vgl. Kohl in: Bierschenk, Krings & Lentz 2013). Mit der Writing Culture-Debatte kam die Erkenntnis, dass ‚objektive‘ Darstellung fremder Lebensformen wohl noch nie die ‚Wirklichkeit‘ abbildete, sondern dass all die Ethnographien und wissenschaftlichen Abhandlungen stets durch die Person des Ethnologen, seine persönlichen Gefühle, Befindlichkeiten und Meinungen eingefärbt war.

Die Folgen waren gravierend. Einerseits führte die Repräsentationskrise dazu, dass Ethnologen sich verstärkt mit der eigenen Selbstreflexivität befassten, mit der Rolle des Ethnologen im Feld (Bierschenk, Krings & Lentz 2013) und der Frage, wie man über (fremde) Kulturen schreiben könne /1/. Andererseits ging dem Fach im Laufe der Zeit der Forschungsgegenstand selbst, die Forschungssubjekte, abhanden, wie es der Ethnologie-Professor Georg Klute in einem Interview formulierte (Büdel, Knabner & Maurus, Cargo #32).

Also verbrachten die deutschsprachigen Ethnologen die darauf folgende Zeit verstärkt damit, zu diskutieren – über sich selbst, über machbare und unmachbare Methoden, über das ethisch, moralisch und politisch korrekte Schreiben. Sie wandten sich neuen Fragestellungen, betrieben „anthropology at home“, stellten sich dem „othering“-Vorwurf, suchten Abgrenzungen zu Nachbardisziplinen oder suchten Kooperationen mit ihnen. Und vergaßen dabei: die Öffentlichkeit.

DAS MYTHENRANKEN RUND UM DIE ETHNOLOGIE

Kein Wunder, dass die Ethnologen in der breiten Öffentlichkeit hierzulande mit so einem veralteten Bild von ihrem Berufsbild als Spezialisten fürs ‚Exotische‘ zu kämpfen haben. “Ethnologen? Forschen die nicht zu Sexualverhalten/dem Hexenkult bei den primitiven Völkern in den Feuerlandinseln/in der Tundra/aus Samoa?“ denken sich Journalisten und greifen prompt zum Telefonhörer – nur um am anderen Ende des Telefonleitung ein empörtes “Solche oberflächlichen/exotisierenden Fragen beantworte ich grundsätzlich nicht!“ zu bekommen.

Es ist einfach so: Ethnologie wird in der Öffentlichkeit noch immer mit „Naturvölkern“ und „nichtwestlichen Kulturen“ sowie mit exotischen Gegenständen und Ereignissen assoziiert (vgl. Antweiler 2005; Kohl 1993/2012). Und Ethnologen tun nicht viel, um dieses öffentliche Bild von ihnen zu ändern.

JOURNALISTEN UND ETHNOLOGEN: DIE UNGLEICHEN SCHWESTERN?

Nun ist seit Ende der 1990er Jahre zu beobachten, dass sich einige ethnologische Fachvertreter dieser Problematik nun doch stellen und versuchen, das mangelnde Interesse insbesondere der Medienöffnetlichkeit sowie das Halbwissen darüber, ‚was Ethnologen denn tun‘ zu korrigieren und die Zusammenarbeit zwischen Ethnologen und Medienmenschen zu fördern.

Denn: Sowohl Journalisten als auch Ethnologen haben Gemeinsamkeiten, schreibt Antweiler. Beide interessieren sich für Menschen und für deren Geschichten. Beide fühlen sich, im Idealfall, der Wahrheit verpflichtet, beobachten daher ihr Gegenüber sowie ihre eigene Gesellschaft eher kritisch-distanziert. Und sogar die Recherchemethoden beider Berufsgruppen ähneln sich (Antweiler 2005).

Es existieren also gewisse Ähnlichkeiten, an die man doch anknüpfen könnte, dachten sich die Mitarbeiter des Pressereferats der Gesellschaft für Völkerkunde (DGV). Also wurden Tagungen und Symposien organisiert, auf denen Vertreter beider „Schwesterndisziplinen“ – die Ethnologen und Medienvertreter – Gelegenheit bekommen sollten, sich gegenseitig kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen.

So fand im Jahr 1998 eine Tagung mit dem Titel „Sehnsucht nach Kultur. Ethnologie und Öffentlichkeit“ in Tübingen statt, gefolgt von einem Symposium „Was erwartet die Öffentlichkeit von der Ethnologie? – Was hat die Ethnologie der Öffentlichkeit zu bieten?“ in Heidelberg. In Bonn versammelten sich 2009 Ethnologen und Medienvertreter, um miteinander zum Thema „Krisen und Konflikte – Ethnologen als Experten für Hintergrund-Berichterstattung aus Krisenregionen“ zu diskutieren und 2013 lud die DGV Ethnologen und Interessierte nach Mainz zur Tagung „Verortungen. Ethnologie in Wissenschaft, Arbeitswelt und Öffentlichkeit“ ein.

Leider waren die Ergebnisse nicht so rosig. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit zu Media Diversity in Deutschland besuchte Julia Bayer die Bonner Tagung zu „Krisen und Konflikten“.

Entgegen dem optimistisch klingenden Abschlussbericht seitens der Veranstalter waren ihre Erfahrungen, leider, andere. Der Tonfall untereinander war, so Bayer, „von gegenseitigem Misstrauen, Forderungen an die andere Seite und eine gewisse Arroganz gegenüber der so oft beschworenen jeweils anderen „Schwesterdisziplin“ durchsetzt. „Zwar gab es einige selbstkritische Äußerungen auf beiden Seiten, insgesamt überwog aber eine Atmosphäre des Vorwurfs anstelle eines interessierten Aufeinanderzugehens, das eine solche Tagung ja eigentlich ermöglichen will“ (Bayer 2013).

„KOMPLEXE WELT“ MIT „KOMPLEXER SPRACHE ERKLÄREN?

Woher kommt denn diese ‚Schwesternrivalität‘? Ein Punkt wurde ja bereits genannt, nämlich: das Außenbild des Ethnologen als Spezialisten für ‚Exotisches‘ und ‚Kurioses‘.

Ein Umstand, an dem wir allerdings nicht ganz unschuldig sind, so Kohl, stellte doch das „exotische Flair“ des Faches lange Zeit einen nicht unwesentlichen Reiz dar, mit dem Studium zu beginnen (Kohl 1993/2012).

Heute haben wir uns davon weitgehend distanziert, und von der ethnologischen Neugierde ist heute kaum ein Bereich, kaum ein „Gegenstand“ sicher, was auch die immer größer werdende Interdisziplinarität der Fächer notwendig machte.

Ethnologie arbeitete schon immer gerne an den Grenzen, zunächst an geographischen und mittlerweile auch an denen unserer universitären Nachbarfächer. Sie hat, so die Ethnologin Cassis Kilian, die Rolle einer „Störwissenschaft“ eingenommen, im produktiven Sinne. Sie betrachtet Untersuchungsgegenstände und Konzepte aus einem anderen Blickwinkel, „verfremdet“ diese und hinterfragt dadurch gängige Gewissheiten (vgl. Krings in: Bierschenk, Krings & Lentz 2013).

In der breiten Öffentlichkeit hat diese an sich wunderbare Eigenschaft der Ethnologie noch nicht herumgesprochen. Und daran sind die Ethnologen selbst nicht ganz unschuldig!

Über Gründe für die Meidung der Öffentlichkeit durch die Ethnologen wurde schon vielfach spekuliert und diskutiert. Ein Grund liegt, wie Antweiler schreibt darin, dass Ethnologen ein Problem damit haben, wie Journalisten über kulturelle Phänomene berichten: ‚Die Auseinandersetzung sei doch viel zu oberflächlich!‘ heißt es dann.

„Jede populäre Aufbereitung vereinfacht nicht nur, sondern fördert damit insbesondere Stereotype“

(James 1996 in Antweiler 2005) zitiert Antweiler die gängige Meinung der Kollegen. Stereotypen- und Klischeebildung zu dekonstruieren und die Pluralität und Komplexität menschlichen Zusammenlebens aufzuzeigen sei aber genau das, was die Ethnologie sich auf die Fahnen geschrieben hat! 

Die Medien hingegen machen genau das Gegenteil: Sie brechen komplexe Zusammenhänge herunter; sie vereinfachen; sie benutzen Begriffe, die geradezu dazu prädestiniert sind, Vorurteile und Klischees zu reproduzieren. Mit den Medien zusammenzuarbeiten käme doch unter diesen Umständen einem Hochverrat gleich. Da wird man emotional. So erzählt die Medienethnologin Julia Bayer, wie sich eine der Ethnologinnen auf der Tagung darüber sehr empörte, in Bezug auf Pakistan immer wieder über „feudale Patriarchalgesellschaften“ lesen zu müssen. Formulierungen dieser Art wolle sie in den Medien „nie wieder hören“, sagte sie. Allerdings vermochte sie auch keinen alternativen Lösungsvorschlag anzubieten.

Generell scheint oft die Sprache das Problem zu sein. Die erste Lektion, die angehende Journalisten bei ihren ersten Schreibversuchen lernen ist: schreibt verständlich, anschaulich – und interessant. Das ist auch logisch, hat doch Journalismus das Ziel, die breite Leserschaft über Fakten und Ereignisse, die in der Welt passieren, zu informieren. Ethnologische Texte hingegen werden (bisher) nur von einer handvoll interessierter Intellektueller, wenn nicht gar nur von Kollegen gelesen. Und solange die Texte nur für die eigene Zunft gedacht sind, ist wissenschaftliches Schreiben genau richtig. Doch will man ein größeres Publikum erreichen, so ist es unumgänglich, dass das Geschriebene verständlich und anschaulich ist – interessant eben.

Wenn man sich anschaut, wofür sich Ethnologen und Journalisten interessieren, dann wird das „Schwesterliche“ offenbar: die Aufmerksamkeit beider liegt auf den Menschen, deren Lebensweisen und deren „Geschichten“, die sie zu erzählen haben. Aber:

„Ziel einer kritischen Ethnologie ist es, die Komplexität der Welt in ihren jeweils lokalen Ausprägungen ebenso wie die Gemachtheit und Perspektivität von Repräsentation aufzuzeigen und Bewusstsein dafür zu schaffen. (…) Medien dagegen müssen und wollen Komplexität reduzieren.“ (Bayer 2013).

Komplexität der Welt durch komplexe Sprache vermitteln zu wollen ist allerdings fatal.

Man wird niemanden dazu verleiten, als Bettlektüre oder für eine Zugreise Texte auszuwählen, die kaum einen narrativen Stil aufweisen, stattdessen von abstrakten Theorien, komplizierter Fachsprache oder sperrigen Schachtelsätzen durchzogen sind.

Dabei besteht durchaus ein Interesse an Geschichten, die Ethnologen aus dem Fundus ihrer Forschungsarbeiten erzählen könnten. Was wir nur machen müssen, ist es, unser Wissen attraktiver zu verpacken.

WEGE IN DIE ÖFFENTLICHKEIT

Eine Möglichkeit, ethnologische Expertise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist eben, sich für die Medien sichtbarer zu machen. Journalistische Anfragen nicht scheuen, sondern annehmen und auch mal Mut zu subjektiver Meinung beweisen (vgl. Schnarchendorf und Helbing, Cargo #32). Wählt man die akademische Laufbahn und will dennoch, dass die eigenen Arbeiten von mehr Leuten als nur den Kollegen gelesen werden, sind Workshops für journalistisches Schreiben empfehlenswert.

Ich habe mich für die dritte Möglichkeit entschieden – ich wurde selbst Journalistin. Zunächst mal: „Journalist“ kann sich hierzulande jeder nennen, denn es handelt sich um keine geschützte Berufsbezeichnung. So ist (oder war es zumindest früher) der Weg in den Journalismus nicht ausschließlich über ein Journalismusstudium oder eine Journalistenschule möglich. Das verraten eigentlich schon die Biographien der schreibenden Journalisten. Viele haben zuerst „was anderes“ studiert und über Praktika, freie Mitarbeit oder Volontariat/journalistisches Aufbaustudium den Weg in den Journalismus gefunden. Eine Spezialisierung in einem Fachgebiet gilt ohnehin als Vorteil, es hilft, sich auf dem Markt besser zu positionieren und „zur Marke“ zu werden /2/. Will man als Journalist ernst genommen werden, reicht es aber eben nicht, sich als solcher auf Visitenkarten zu bezeichnen. Wichtig sind praktische Erfahrungen. Man muss schreiben können. Und zwar so, dass man gern gelesen wird. Und das kann man lernen.

SCHREIB! EIN! BLOG!

Zugegeben, die Medienlandschaft steckt in einer Krise. Sinkende Verkaufszahlen im Printbereich und abspringende Werbekunden führten jüngst dazu, dass viele große Redaktionen sich gezwungen sahen, Redakteure zu entlassen. Der Run auf den Beruf „Journalist“ ist jedoch nicht weniger geworden. Noch immer ist er für viele ein „Traumberuf“, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass viele Journalistenanwärter ihren Beruf damit verbinden, dass sie die Öffentlichkeit über Weltgeschehen auf dem Laufenden halten und die Welt über die ‚Wahrheit‘ über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft informieren.

Die Krise der klassischen Printmedien kommt nicht aus dem Nichts, sondern hat seine Wurzeln in der zunehmenden Bedeutung der Neuen Medien. Dank der rasanten technischen Entwicklung werden Informationen heute nicht nur durch frischgedruckte Zeitungen, das Fernsehen oder Radio verbreitet – sondern via Internet, durch Blogs oder soziale Netzwerke à la Facebook, Twitter und Co. Viele Journalisten haben die Vorteile dieser Medien erkannt und sind auf diesen Zug aufgesprungen: Neben ihrer Arbeit für die „klassischen“ Medien schreiben sie eigene Blogs.

Eine Chance auch für Ethnologen! Und nicht nur für die mit den journalistischen Ambitionen. Einen Blog kann man heutzutage schon innerhalb weniger Minuten einrichten – die Möglichkeiten, die einem dann offen stehen, sind unbegrenzt. Auf einem Blog können Ethnologen, die sich für eine akademische Laufbahn entschieden haben, über ihre Forschungsvorhaben, ihre Überlegungen, aber auch Zweifel und persönliche Eindrücke berichten. Und die ‚angehenden Journalisten‘ unter ihnen können von ihrem Blog auf zweierlei Arten profitieren: Sie können nicht nur ihre Themenschwerpunkte und ethnologisches Know-How präsentieren, sondern sich im journalistischen Schreiben üben.

Genau dies tue ich auf meinem Blog „Ethnosphäre“: Als Ethnologin und Journalistin schreibe ich dort über unser Fach Ethnologie und ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit und zu den Medien. Mein Anliegen ist es, das vorhandene Unwissen, Halbwissen sowie Vorurteile aus der Welt zu schaffen, die mir als Ethnologin immer wieder begegnen.

Aus der ‚realen‘ Welt kenne ich leider recht wenige ethnologisch sozialisierte Journalisten. Durch das Bloggen bin ich allerdings auf „Gleichgesinnte“ gestossen, wie etwa auf den Mainzer Ethnologie-Studenten Rajner Tatz, der auf www.ethnologic.info ethnologische Themen ’nach außen‘ verbloggt oder Zeitungsartikel mit „ethnologienahen“ Inhalten kommentiert oder auf das studentische Projekt „Ethnospektive“ von Eva Brandl und Evin Aytun aus Frankfurt, die eine Kooperation mit der Frankfurter Rundschau initiierten und von Ethnologiestudenten verfasste Artikel publizierten.

SCHREIBEN MIT „KAPUTTER“ SPRACHE

Dank unserer ethnologischen Sozialisation ist uns die Macht der Sprache bewusst. Sprache ist gefährlich und große Vorsicht ist geboten, was das Benennen von Menschen oder Gesellschaften angeht. „Wörter sind keineswegs unschuldig“, schreibt Kohl. „Wie eine fremde Kultur geschildert wird, kann für deren Angehörige verheerende Folgen haben“ (Kohl 1993/2012) und deutet damit die beinahe Ausrottung jener, die von den Weltentdeckern einst als „Wilde“ oder „Primitive“ bezeichnet wurden.

Daher gehen wir sehr vorsichtig mit Begriffen um, haben Vorbehalte, Fragen zu beantworten, die zu weit von unserem Forschungsthema oder Forschungsregion abweichen (vgl. Bierschenk, Krings & Lentz 2013).

In Massenmedien findet sich aber diese Sensibilität (noch) recht selten.

Es ist eben so: Die Sprache ist an vielen Stellen „kaputt“ /3/. Bestimmte Begriffe sind mit bestimmten Bedeutungen versehen. Und diese haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Oft zum Negativen hin. Mit dieser Sprache müssen wir aber arbeiten. Wir haben keine andere. Also bringt es nichts, sich über „problematische“ Begriffe, die in der Öffentlichkeit kursieren zu empören – und darüber zu schweigen. Hilfreicher ist es, sie aufzugreifen – auch wenn es heißt, die Leser zunächst mit Begriffen wie ‚Naturvölker‘ und ‚Patriarchalgesellschaften‘ abzuholen – und eben dann erzählen, warum sie problematisch (geworden) sind. Denn wie der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch sagt: „Natürlich sollten wir alle uns bemühen, unnötige sprachliche Komplexität zu meiden und unsere Sprache so einfach wie möglich zu gestalten.“ Aber wir sollten es nicht einfacher gestalten als es die komplexe Welt eben erfordert (Stefanowitsch 2014). Auch die Sprache ist nicht in Stein gemeißelt. Ethnologen, die journalistisch schreiben gelernt haben, könnten das gut nach außen kommunizieren.

LASST UNS STÖREN! ETHNOLOGISCHE BRILLEN FÜR ALLE

Warum sollten Ethnologen in die Medien gehen? Worin liegt die Besonderheit der Ethnologie im Vergleich zu anderen Fächern?

Es ist die Fremdheitserfahrung, die lange Zeit eine Art Initiationsritus der Ethnologen darstellte, wenn sie lange Feldforschungen und teilnehmende Beobachtung „in Übersee“ betrieben. Diese Erfahrung hilft ungemein, die Multiperspektivität der Dinge anzuerkennen. Es ist der „ethnologische Blick“, der entsteht, wenn wir uns zunächst mit dem frühen Forschungsgegenstand, den „fremden Völkern“ befassen – und den ‚Problemen‘, die unsere damalige unreflektierte Repräsentation jener ‚Naturvölker‘ mit sich brachte. Diese Erfahrung hilft, sich selbstkritisch im Hinblick auf den,die,das Andere/Fremde zu reflektieren.

Durch die Auseinandersetzung mit ‚Kulturen‘ und mit ‚Fremdheit‘ sind wir zu „Spezialisten für Grenzüberschreitungen und Perspektivwechsel“ geworden, sagt Ethnologieprofessor Matthias Krings (2013). Wir sind sensibilisiert – und sollten andere sensibilisieren. Wir sollten nicht nur die Nachbarfächer stören, sondern auch in den Medien verbreitete Gewissheiten, Vorurteile und Stereotype von Dingen rund um ‚Kultur‘ und ‚Fremden‘ hinterfragen. Wir sollten unsere Scheu vor Sprache überwinden und lernen, interessant zu schreiben. Im Journalismus könnten wir das tun.

ENDNOTEN

/1/ vgl. auch Clifford Geertz‘ „Die künstlichen Wilden. Anthropologen als Schriftsteller“

/2/ siehe www.lousypennies.de von den Journalisten Karsten Lohmeyer und Stephan Goldmann. Auf diesem Blog schreiben sie darüber, wie man im Netz mir (gutem) Journalismus Geld verdienen kann.

/3/ Den Begriff „kaputte Sprache“ habe ich aus einem Seminar des !ebasa-Vereins zu Rassismus in entwicklungspolitischer Bildungsarbeit entnommen.

LIES DAS! LITERATUR

Antweiler, Christoph 2005. Ethnologie. Ein Führer zu populären Medien. Berlin: Dietrich Reimer Verlag

Bayer, Julia 2013. Media Diversity in Deutschland. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf journalistische Praxis. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilans-Universität München.

Bierschenk, Thomas; Krings, Matthias; Lentz, Carola: „Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie?“ in: ders (Hg.). Ethnologie im 21. Jahrhundert 2013. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, S. 7-34

Büdel, Markus; Knabner, Sophie & Maurus, Sabrina JAHR. „Die Ethnologie sollte selbstbewusster werden“. Cargo-Zeitschrift #32. S. 45-49

Kohl, Karl-Heinz 1993 (3. Auflage 2012). Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München: C.H. Beck

Kohl, Karl-Heinz 2013. „Die Zukunft der Ethnologie liegt in ihrer Vergangenheit. Plädoyer für das ethnographische Archiv“ in: Bierschenk, Thomas; Krings, Matthias; Lentz, Carola: „Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie?“ in: ders (Hg.). Ethnologie im 21. Jahrhundert 2013. Berlin: Dietrich Reimer Verlag. S. 131-146

Krings, Matthias 2013. Interdisziplinarität und die Signatur der Ethnologie in: Bierschenk, Thomas; Krings, Matthias; Lentz, Carola (Hg.) 2013. Ethnologie im 21. Jahrhundert 2013. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, S. 265-283

Schnarchendorf, Patrick; Helbing, Danika. „Mut zur Subjektivität. Ethnologie in die Öffentlichkeit – durch die Lektüre der Cargo #32 angeregte Gedanken zum Status Quo der Debatte. Cargo-Zeitschrift #32. S. 55-58

Stefanowitsch, Anatol 2014. Leichte Sprache, komplexe Wirklichkeit. Sprachliche Komplexität und die Repräsentation von Wirklichkeit (Link: hier, 07.09.2015)

Der Artikel erschien zunächst in der Ethnologie-Zeitschrift CARGO.

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