Ethnologie und Öffentlichkeit – eine Hassliebe

 

Ethnologen und Journalisten haben einiges gemeinsam: Beide beschäftigen sich mit Mensch und (öffentlicher) Kultur. Kein Wunder also, dass viele Ethnologen nach dem Abschluss mit den „Irgendwas mit Medien“-Jobs liebäugeln.

 

Journalisten wie Wissenschaftler fühlen sich bei ihrer Arbeit in erster Linie der Wahrheit verpflichtet. Sie sind seriös, stellen Behauptungen kritisch in Frage und hinterfragen Annahmen. Und sie wissen auch, dass man stets zwei Seiten der Medaille betrachten muss.

Und es gibt eine weitere große Übereinstimmung: sowohl Ethnologie als auch Medienwissenschaft sind sich einig:

„Die soziale Wirklichkeit ist insgesamt sozial hergestellt und Medien schaffen Wirklichkeit.“

 

Aber die Realität sieht anders aus

 

Und doch: statt offen in der Öffentlichkeit als Ethnologe aufzutreten und an gesellschaftlich relevanten Debatten teilzunehmen bleiben sie unsichtbar. Verbarrikadieren sich, bis auf ein paar Ausnahmen, in ihrem Elfenbeinturm.

 

Die Öffentlichkeitsscheu sitzt tief

 

Warum ist das so? Warum scheuen sich Ethnologen vor der Öffentlichkeit?

Zum Glück gibt es doch noch ein paar Ethnologen, die sich genau mit dieser Problematik beschäftigen.

Christoph Antweiler zum Beispiel ist einer davon. In seinem Werk „Ethnologie – ein Führer zu populären Medien“ hat der Ethnologieprofessor einige Punkte diesbezüglich aufgelistet.

 

Ethnologen haben Vorbehalte

 

Ganz klar, sonst wären sie ja hier in der Öffentlichkeit, würden Interviews geben, als Experten gefragt sein, würden Artikel in der FAZ, Süddeutschen etc. schreiben und nicht in guter alter Lehnstuhlethnologenmanier am Schreibtisch über Schamanen-Kostüme und deren Bedeutung für das Volk Samen …

Ethnlogen haben Vorbehalte gegenüber Journalisten, gegenüber populärer Kultur und ganz besonders – da scheinbar gaaanz böse – gegenüber der Popularisierung des eigenen Faches.

 

Populäre Aufbereitung von Themen zu oberflächlich

 

Oft bekommen Ethnologen Presseanfragen zu Themen wie:

  • Hexerei, Voodoo, Schamanismus
  • Männerohrringe, Tattoos
  • Erotik bei „primitiven Völkern“
  • ethnische Kriege“

 

Als Ethnologe hat man da ganz intuitiv den Impuls, laut zu rufen „also, das kann man soooo nicht sagen, weil…“. Am liebsten würde er dann bei Adam und Eva anfangen, erstmal darauf hinweisen, dass die Problematik schon bei der Definition des Begriffes anfängt und dass es z.B. schon ganz falsch ist, von DEM Schamanismus zu reden, weil … usw. usf.

Leider hat ein Journalist da nicht sooo viel Zeit und schon gar nicht so viel Platz, in seinem Artikel, um all die WENNS und ABERS unterzubringen. Er hat Deadlines. Und er muss darauf achten, verständlich zu bleiben. Schließlich hat er einen Sachverhalt darzustellen und zu beschreiben. Die Folge ist, dass eben solche an sich komplexen Sachverhalte vereinfacht dargestellt werden müssen. Und dieser bedient man sich dann auch. Stereotype.

Und genau das widerstrebt jedem Ethnologen. Daher werden dann auch viele Anfragen wohl abgewiesen. Und das ist fatal. Lang leben die Stereotype!

 

Das sagt man doch nicht!“: das Vokabular

 

Auch beim Vokabular kräuseln sich vielen Ethnologen die Nägel. Da heißt es doch tatsächlich wieder in der Zeitung XY, der „Stamm“ so und so habe dies und jenes getan/nicht getan, errichtet/ zerstört …

Ich gebe zu, auch ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich das Wort irgendwo lese und frage mich: warum schreibt der Autor das? Weiß er denn nicht, dass man sowas nicht sagt? Dass das veraltet, überholt, gar diskriminierend ist ???

Und genau da ist das Problem: er weiß es nicht. Die Ethnologen schon.

Genau hier ist ethnologisches Wissen gefragt. Statt also empört aufzuschnaufen, die Zeitung erbost wegzulegen und einen wissenschaftlichen Beitrag zur fortbestehenden Ignoranz und Oberflächlichkeit in den Massenmedien zu verfassen, sollten Ethnologen an eben diese sich wenden und das Gespräch suchen. Sie sollten eben solche problematischen/problematisch gewordenen Begriffe aufgreifen. Und sie thematisieren. Und erklären, warum man sie nicht bzw. nicht mehr verwenden sollte.

Wenn Ethnologie öffentlich werden soll,“ so Antweiler, „muss sie an etablierte Schlüsselwörter und dahinter stehende Ideen anknüpfen. Wer beim Wort ‚Naturvölker‘ sofort rot sieht, kann in den Medien gar nichts bewirken.“

 

Ethnologen müssen an die Öffentlichkeit gehen   

Wir Ethnologen untersuchen die Gesellschaft. Der Mensch – und sein Tun in der Welt – ist unser Forschungs“gegenstand“.

Und wir leben in einer stark von Massenmedien geprägten Gesellschaft. Wenn wir als Ethnologen also wahrgenommen und gehört werden wollen, dann sind dies die Kanäle, über die wir am schnellsten Gehör bekommen.

Wichtig ist, wir müssen uns SELBST in die Gesellschaft einbringen und nicht darauf warten, dass uns jemand fragt. Also selbst in die Medien gehen. Selbst Themen suchen, ansprechen, diskutieren.

Und wir müssen die Stärken der Ethnologie selbstbewusster vertreten.

Welche das sind? Christoph Antweiler formuliert dies so:

Die Stärke der Ethnologie ist das systematisch kontrollierte Verstehen und Erklären von Lebensweisen, eigenen und anderen.“

 

Die Besonderheit, fasst er zusammen, resultiert aus der Kombination von Thema, Theorie, Perspektive, Methodik und dazu dem persönlich geprägten Forschungszugang und Bezug zum Gegenstand: Mensch.

 

Der Themenvielfalt sind keine Grenzen gesetzt

 

_Ethnologen können über Gesellschaften, Gruppen und Netzwerke forschen/schreiben/berichten. Und zwar auf der ganzen Welt, nicht nur über fremde, „exotische“ Völker!

_Auch über kulturelle Besonderheiten. Und über kulturelle Vielfalt innerhalb von Gesellschaften.

_Sie können zu jenen Alltagsfragen Stellung nehmen, die für Menschen weltweit von Bedeutung sind

 

Die ethnologische Besonderheit: Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel

 

Das „Auge“ des Ethnologen ist wie das einer Libelle, schreibt Bernhard Streck in seinem Aufsatz „Das Auge des Ethnographen: Zur perspektivischen Besonderheit der Ethnologie“. Die Besonderheit liegt darin, dass Ethnologen bei Betrachtung eines Ereignisses nicht sofort werten und beurteilen, sondern sich in die Lage des Gegenübers, des „Anderen“ versetzen, um aus dieser „emischen Sicht“ das Denken, und das Handeln des Gegenübers zu verstehen. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen zu begreifen und zu vergleichen – ohne sie aber gleichzuschalten. (Zur perspektivischen Besonderheit wird es in naher Zukunft einen eigenen Blogeintrag geben.)

 

Stärken der Ethnologie

 

Da wir Ethnologen besonders gut darin zu sein scheinen, die Bedeutung unseres Faches zu unterschätzen, soll hier an dieser Stelle erwähnt werden: wir haben auch STÄRKEN. Und diese sollten wir offen zur Schau stellen.

 

Aus diesem Grund – ich werde nicht müde, dies zu betonen – dieser Blog. Es liegt mir sehr am Herzen, dass wir Ethnologen uns endlich mal an die Öffentlichkeit trauen. Denn wir leben, ihr habt es vielleicht schon mitgekriegt, in einer Welt, in der noch immer viele, auch kulturell bedingte, Missverständnisse herrschen. Sie entstehen aus Vorurteilen und Unwissen. Wir können dies ändern! Indem wir darüber reden, schreiben und auf möglichst vielen Kanälen aufklären, und ein (neues) Bewusstsein schaffen.

 

Nur so werden stereotype Bilder in Köpfen der Menschen über „Stämme“, „Islamisten“, „Ehrenmorde“, „Sozialtouristen“ – aber auch Sexismus- und Rassismus-Debatten irgendwann der Vergangenheit angehören.

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  1. Pingback: mein leben als freiberufler: ein segen und ein fluch | wOrteXot

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