ETHNOLOGIN – UND STOLZ DARAUF

Ethnologen im deutschsprachigen Raum haben ein Problem: Kaum einer weiß, dass es sie gibt, was sie tun, geschweige denn, welchen gesellschaftlich relevanten Beitrag sie für die Allgemeinheit leisten (könnten).

Und Journalisten haben auch ein Problem: sie müssen oft in Windeseile Ereignisse recherchieren und sie der breiten Öffentlichkeit informativ und verständlich präsentieren. Dabei widerfahren ihnen immer wieder Fehler, vor allem wenn sie im Zusammenhang mit Menschen aus anderen Kulturen im In- oder Ausland berichten.

Die Folgen sind fatal: kulturell bedingte Missverständnisse werden nicht erkannt, dafür Klischees, Stereotype und Vorurteile gefestigt.

Das gilt es, aufzulösen. Und dieser Sache will ich mich nun in diesem Blog annehmen.

Aber fangen wir doch erstmal von vorne an.

Bestandaufnahme heute: Kein Mensch kennt Ethnologie

„Du studierst was? Ethnologie? Aha… Nie davon gehört. Was ist das denn? Und was macht man später damit? Also für mich hört sich das nach brotloser Kunst an. Kannst höchstens Taxifahrer werden.“ So oder so ähnlich verliefen meist meine ersten Gespräche mit Freunden, Familienangehörigen (oder auch Kommilitonen), als ich ihnen meine Studiumwahl offenbarte.

Ethnologie: unter den „Orchideenfächern“ die Königin

Immer wieder erstaunt mich dieser fragende Blick meiner Gesprächspartner – auch heute noch, nach meinem Abschluss. Wie kommt es, dass Ethnologie bis in die Gegenwart in der deutschsprachigen Öffentlichkeit kaum bekannt ist? Und das, obwohl man dieses Fach bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts an den Universitäten lehrt.

Schaut man sich allerdings die Zahlen der Studierenden in den letzten Jahrzehnten an, steigt die Nachfrage nach Studienplätzen seit den 1970er Jahren stark an. Unter den so genannten „Orchideenfächern“ genießt das Fach einen enormen Zulauf. Die Zahl der Studierenden ist etwa halb so groß, wie die in der Soziologie und in den Politikwissenschaften. Ethnologie ist sozusagen die Königsorchidee.

Was ist Ethnologie? Definition in kürzester Form

Um es ganz kurz auf den Punkt zu bringen – die gängige Definition heutzutage lautet:

Ethnologie ist die Lehre vom (kulturell) Fremden.

Natürlich ist diese Beschreibung unvollständig, nicht komplett und ergänzungsbedürftig. Aber es trifft in meinen Augen dennoch den Kern dessen, womit sich die Ethnologen im Einzelnen und das Fach Ethnologie im Allgemeinen befasst.

Früher, etwa Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts, war „das Fremde“ klar und deutlich definiert: nämlich durch regionale Grenzen. Ethnologen reisten in ferne Länder und erforschten dort „fremde Kulturen“.

Heute hat sich das Verständnis dessen, was „das Fremde“ bedeutet, gewandelt. „Fremd“ ist mittlerweile nicht nur das, was außerhalb der eigenen regionalen Grenzen liegt, fremd kann auch schon mein Nachbar sein, der einem ungewöhnlichen Hobby nachgeht (mittelalterliche Rollenspiele, Schützenverein) oder eine alternative Lebenseinstellung pflegt (Punks, Gothiks, Hipster). Auch diese Gruppen können heute Gegenstand ethnologischer Erforschung sein – und sind es auch.

Ethnologie studiert – und nun? Die Bindestrich-Ethnologen

Wie man sieht, gibt es also relativ viele Interessierte, die sich für das Studium der Ethnologie entscheiden. Und viele bleiben auch bis zum Schluss.

Ist der Abschluss erstmal in der Tasche, kommt die nächste Hürde im Lebenslauf eines jeden Menschen: Was mache ich nun mit dem Abschluss? Wo wird mein Wissen als Ethnologe gebraucht?

Und genau hier liegt das Problem – und ist mitunter meine Motivation für diesen Blog. Denn Fakt ist: die Zahl der Studierenden und der Absolventen ist relativ hoch, die Anzahl der „klassischen“ Stellen – an den Universitäten, Forschungsinstituten, Museen etc. – ist aber sehr gering.

Die Folge: Viele Absolventen müssen kreativ werden und Arbeit in anderen Arbeitsbereichen suchen. Und bisher müssen sie es fast immer auf eigene Faust tun, denn die Universitäten haben noch immer nicht entsprechend darauf reagiert, wissen Thomas Bierschenk, Matthias Krings und Carolrwiesen – alle drei Ethnologie-Professoren an der Universität Mainz – in ihrem kürzlich veröffentlichten Aufsatzband „Ethnologie im 21. Jahrhundert“ zu berichten.

Das soll sich ändern. Denn in diesen neuen Praxisfeldern „wachsen die Kulturanalyse und Kulturpraxis zusammen, und es entsteht das Berufsfeld des Kulturingenieurs, der kulturelle Zusammenhänge mit dem Instrumentarium der Ethnologie analysiert, um sie beeinflussen zu können.“ Diese Bindestrich-Ethnologen stehen also an der Schnittstelle von Wissensproduktion und -anwendung und spielen somit eine wichtige Rolle.

Ethnologie und Öffentlichkeit

„Mit wenigen Ausnahmen sind Ethnologen in größeren, medienbasierten öffentlichen Debatten im deutschsprachigen Raum kaum präsent, auch dann nicht, wenn es um genuin ethnologische Themen wie Ethnizität oder Kultur geht. Ein Blick nach Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und Nordamerika, aber auch einige Länder des Globalen Südens zeigt, dass dies auch anders sein kann.“ (Bierschenk, Krings, Lentz)

Da haben sie recht.

Hierzulande habe ich selten in großen Zeitungen, Fernsehmagazinen oder Radiosendungen auf Ethnologen getroffen, die zu Themen wie Rassismus, Flüchtlingspolitik oder Bau von Moscheen zu Wort gebeten wurden. Die Anfragen kommen immer erst dann, wenn es um etwas „Exotisches“ geht – wie Voodookult, Aberglauben oder wenn es um Afrika geht.

Ethnologen können aber weitaus mehr als das.

me und alter Ego

Worum es hier geht

Bereits während meines Studiums schüttelte ich regelmäßig den Kopf darüber, dass Ethnologie, ein Fach mit so viel Potential für unsere zeitgenössische, multi-kulturelle und globalisierte Gesellschaft, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

Das muss sich doch ändern! Dachte ich – und gründete den Blog.

Hier will ich darüber berichten, worüber Ethnolog_innen forschen, diskutieren und schreiben. Um das alles transparenter zu machen, was sich hinter den Elfenbeinturmfassaden verbirgt. Und um herauszuarbeiten, wie das ethnologische Wissen praktische Anwendung „da draußen“, in der freien Wirtschaft, findet.

Und warum soll das gut sein?

Ich sag es euch: Durch unsere Expertise lernt man, das Eigene und das Fremde zu verstehen, Ängste, Vorurteile und Klischees abzubauen und ein Miteinander zu schaffen, das auf gegenseitigem Verstehen, Respekt und Toleranz basiert.

Interessiert? Dann bleibt dran und erfahrt: Hinter dem Begriff „ethno“ verbirgt sich mehr als bunte Klamotten, barfüssige SpinnerInnen oder Kulinarisches aus 1001 Nacht 😉

4 Comments
  1. Ahhh, noch jemand im Kampf gegen mangelnde Aufmerksamkeit für ethnologische Expertise. Tut gut zu wissen, dass meiner einer nicht allein ist.

    Ich lass mal einen lieben Gruß da =)

    • Ja hallo aber auch!Freut mich, das wir mehr werden! Auf Dich bin ich aber auf meiner Suche nach Gleichgesinnten nicht gestossen. Umso mehr freue ich mich jetzt! Auf auf, lass uns Ethnologen in die Öffentlichkeit ziehen 🙂 Lieben Gruß zurück!

    • Liebe Lisa, es freut mich sehr! Ich habe es keine einzige Minute bereut, dieses Studium gewählt zu haben – und finde es regelrecht schockierend, dass so wenige über das Fach Bescheid wissen. Und freue mich natürlich umso mehr, dass es Menschen immer wieder dahin verschlägt, zur Ethnologie 😉 Vielen lieben Dank fürs Lesen und liebe Grüße zurück!
      Julia

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