MIT HÄNDEN ESSEN ODER WER IS(S)T DENN SCHON NORMAL? MEIN CARGO-BEITRAG

Seit ein paar Ausgaben schreibe ich für die ethnologische Zeitschrift CARGO. Im letzten Magazin befassten sich die schreibwütigen Ethnologe_innen mit Fragen rund um das Thema „Normalität“. Da es eines meiner Lieblingsthemen ist und ich immer auf die Aussage „Das ist doch nicht normal“ gerne anfange, die Person auszufragen, was denn normal sei, freute ich mich umso mehr, zum Thema einen Beitrag einreichen zu können. Diesen könnt ihr nun nachfolgend lesen.

Und wer Lust hat, mitzumachen: Es gibt einen neuen Call for Papers für die nächste Ausgabe! Thema: Agency – Wer oder was hat die Macht?

Weitere Infos stehen im aktuellen Magazin nachgelesen oder können auf Homepage erfragt werden.

Und nun – der Artikel.


 

WER IS(S)T DENN SCHON NORMAL? 

Dass wir alle Nahrung aufnehmen, um unsere Existenz zu sichern, das ist, was uns alle eint. Wie wir essen und womit – das allerdings ist, was uns weltweit unterscheidet.

Kuli binti“, sagt mir Fatiha, „iss meine Tochter“ und schiebt mir Gemüse- und Fleischstücke an meinen Tellerrand. Unbeholfen tunke ich das Brot in die Sosse, versuche, es den anderen Familienmitgliedern gleich zu tun und das beliebte Festgericht – gebratenes Hähnchen in Zwiebelsoße – den marokkanischen Sitten entsprechend zu verspeisen. Wir essen alle aus einem Teller. Gabel, Messer – Fehlanzeige. Dafür Brotlaibe, die diese ersetzen.

Mit den Händen zu essen – in marokkanischer (und in zahlreichen anderen) Gesellschaft ist das ein ganz „normaler“ Akt. In euro-amerikanischem Kulturraum begegnen wir diesbezüglich recht ambivalenten Einstellungen. Schon ein Blick in die Eltern-Kind-Cafés in deutschen Städten erinnert an einen Knigge-Kurs für die Kleinsten: Ein Mädchen, kaum drei Jahre alt, hat es sich offenbar fest vorgenommen, die Nudeln auf ihrem Teller selbst auf die Gabel aufzulesen. Noch ziemlich unbeholfen versucht es, Herrin der Lage zu werden und sich das neue Esswerkzeug, die Gabel, zu eigen zu machen. War sie erfolgreich, wird sie von der Mutter überschwänglich gelobt. Doch will sie mit der Hand nachhelfen, erntet sie Tadel: „Das macht man doch nicht. Nimm das Besteck!“

Wie? Mit Besteck? von Maria Herz

Wie? Mit Besteck?
von Maria Herz

Eine Gabel für die „Zivilisierten“?

Es scheint so, könnte man nach dem Streifzug durch die historischen Quellen den Eindruck gewinnen, als hätten die Autor_innen vergangener Zeitepochen den Grad der „Zivilisiertheit“ daran gemessen, wie gut mensch mit der Gabel (besser noch: mit einem Messer im Duett) am gemeinschaftlichen Tische umzugehen weiß. „Die Ausbreitung des Essens mit der Gabel gehört gewiß zu den elementaren Zügen in der Entwicklung der abendländischen Tischsitten“, stellt Thomas Schürmann in seinem Buch Tisch- und Grußsitten im Zivilisationsprozess fest. „Zusammen mit dem Essen von Einzeltellern, welches das Speisen aus der gemeinsamen Schüssel ablöste, markiert sie das Vordringen moderner Tischsitte schlechthin.“ (Schürrmann, 1994: 74)

Der Benutzung der Gabel kam also eine bedeutende Rolle zu. Dabei ist ihre Geschichte eine recht kurze, wie Anita Homolka in ihrem literarischen Streifzug Zück die Finger und iß durch die Geschichte der Tischsitten zeigt. Noch im 11. Jahrhundert fürchtete das italienische Volk dieses Werkzeug – nachdem es von einer griechischen Prinzessin aus Byzanz zu ihnen importiert wurde – als „Attribut des Teufels“. Auch Jahrhunderte später wird deren Nützlichkeit noch immer hinterfragt: „Warum eine Gabel, wenn auf dem Weg vom Teller zum Mund sowieso die Hälfte in den Teller zurückfällt?“ fragte sich das französische Volk des 16. Jahrhunderts. (Homolka, 1989: 27f.). Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts fand sie allmählich ihre Akzeptanz in unseren Köpfen und ihren Weg auf unsere Tische. (vgl. Schürrmann, 1994)

Warum? Hier die (wahrscheinliche) Begründung: „Gabeln sind ohne Zweifel eine spätere Erfindung als Finger“ schreiben die Verfasser eines Londoner Benimmbuches aus dem Jahre 1859, „aber da wir ja keine Kannibalen sind, neige ich zu der Auffassung, daß sie wirklich eine gute Idee waren!“ (Homolka, 1989: 28). Es scheint, der europäische Mensch hat durch Beobachten der ihm fremder Essgewohnheiten aus Übersee einen Grund mehr entdeckt, sich von den „Wilden“ abzugrenzen. Offenbar haben ihn diese Begegnungen zu der eurozentrischen Annahme geführt, es kann gar nicht anders als „fortschrittlich“ sein, die Gabel zu zücken – und die Eroberten mit dieser zu „zivilisieren“.

Die Un-Berührbaren und der Neid

Eine weitere mögliche Begründung für die Aufwertung des Bestecks und Abwertung der Hände beim Essen könnte auch im ambivalenten Verhältnis zum Tastsinn liegen, den die westlichen Gesellschaften im Laufe ihrer Kulturgeschichte entwickelt haben.

Dem Tastsinn wurde in europäischen Kulturraum seit jeher weniger Beachtung geschenkt. Bereits in der Aristotel’schen Hierarchie der Sinne, die er seinerzeit aufstellte (und nach der sich der euro-amerikanische Kulturraum bisher noch richtet), fristet der Tastsinn sein Dasein auf dem letzten Platz. Den ersten Platz belegt der Sehsinn. (Jütte, 2000: 73)

Natürlich gab es Bereiche, in denen die taktile Sinneserfahrung unumgänglich war – so wurde den angehenden Ärzten nahe gelegt, diesen Sinn sehr gut zu schulen, damit sie ihre Arbeit gut verrichten können (Jütte, 2000: 191). Das „gemeine“ Volk hingegen hatte sich zu zügeln. Spätestens ab dem 18. Jahrhundert galten Körperkontakte als „rar, exklusiv und emotional aufgewertet“, so Jütte (Jütte, 2000: 193). Berühren, anfassen, streicheln – alleine die Gespräche darüber treiben so manchem die Schamesröte ins Gesicht.

Und auch die Nahrungsaufnahme mittels Hände wird mit so mancher negativ besetzter Bedeutung assoziiert. „Die essen wie die Wilden“ – solche Statements sind auch heute aus Mündern heimgekommener Safari-Touristen keine Seltenheit.

(Sicherlich machten sie sich nicht die Mühe, über den Tellerrand zu schauen, der ihnen hinter meterhohen Hotelressorts serviert wird.)

Allerdings – kann es sein, dass aus ihnen beim Anblick jener, die sich nicht mit der Unzahl an Löffel, Gabel (nicht zu verwechseln mit der Kuchengabel!) Messer, Teelöffel und und und herumschlagen müssen – lediglich der Neid spricht? Kann es sein, dass uns die Entwöhnung dieser schon seit der frühesten Kindheit abtrainierten sinnlichen Erfahrung, die Nahrung zu fühlen, bevor wir sie schmecken, fehlt?

Dass darin ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, dass wir es eventuell zu weit getrieben haben, als wir die (Un-)Sitte einführten, unsere Nahrungsaufnahme von Hand zu Mund durch kalte, metallische Werkzeuge zu verlängern (zu verkomplizieren?) – ahnt man angesichts der Ausführungen von Anita Homolka in ihrem literarischen Streifzug durch die Geschichte der Tischsitten. „Zu allen Zeiten träumten viele Leute insgeheim von der Abschaffung aller unbequemen, genußfeindlichen Tischsitten“, schreibt sie. „Aber in unserer Gesellschaft gibt es unausrottbare Verzehrtabus, die sich nicht auslöschen lassen und die deshalb so manchen in’s stille Kämmerlein treiben: an den Kühlschrank in der menschenleeren Küche, in ein geheimes Nascheck am Schreibtisch, in die Badewanne oder in die Speisekammer, alles Orte, wo verwilderte Manieren niemanden stören. Hand auf’s Herz! Wer hat sie noch nicht erlebt: so eine Freßorgie ohne Messer und Gabel, nur mit den Fingern und einem einzigen Löffel, mit dem man aus allen Töpfen, Dosen und Gläsern gleichzeitig herausnascht.“ (Homolka 1989: 226)

Andere Länder, andere (Ess-)Sitten

Zück die Gabel und iß!“ – diese Aufforderung kriegen wir seit unseren Kindheitstagen nicht mehr aus dem Ohr heraus. Die Gabel als Verlängerung der Hand – das ist in unserer euro-amerikanischen Gesellschaft gelebte „Normalität“.

Was uns den Mit-der-Gabel-Essenden dabei an „sinn“voller Erfahrung entgeht, können wir aus Erzählungen aus afrikanischen, indischen oder arabischen Gesellschaften erahnen. In Marokko, Ghana oder Bengalen ist das Essen mit den Händen alltägliche Praxis. Und dazu eine, der man offensichtlich eine besondere Qualität, eine Art Lebens-Qualität, zuschreibt. „Wenn ich genießen will, wenn ich aufwendig gekocht habe und mit Familie oder Freunden esse, dann esse ich mit der Hand“, erzählt die ghanaische Schriftstellerin und Dozentin Ama Ata Aidoo. „Aber wenn ich in Eile bin, einen Termin habe, dann schaufle ich mir auch mal schnell das Essen mit der Gabel rein.“ (Paczensky & Dünnebier, 1994: 305). Zum genussvollen Essen gehören die Hände, und nicht die Gabel. „Wir nähern uns dem Essen zunächst einmal mit dem Tastsinn“, erklärt die Bengalerin Chitrita Banerji die kulinarischen Vorteile der Finger beim Essen. „Die verschiedenen Gemüsepürees, die unterschiedlichen Sorten Reis, die zahlreichen Arten Fisch, die wir essen, werden alle von den Fingern genossen, bevor sie in den Mund gelangen.“(Paczensky & Dünnebier, 1994: 309)

Sinnvoll – Ethnologie der Sinne

Die hohe Anerkennung des Hantierens mit Gabel und Messer ist ein hohes Kulturgut – im euro-amerikanischem Kulturraum. In anderen spielt es keine sehr große Rolle, höchstens eine andere.

von Maria Herz

von Maria Herz

 

Dass die Sinne, deren Wahrnehmung sowie deren Bedeutung für die jeweilige Kultur, unterschiedlich sind – zu dieser Erkenntnis haben nicht zuletzt ethnographische Forschungen beigetragen. So erforscht die Sinnesethnologie die kulturspezifischen Zuschreibungen der Sinnesempfindungen und deren jeweilige Prägung, schreibt Heidemann. „Ethnologie der Sinne untersucht vorrangig die Strukturierung der sinnlichen Erfahrungen im Kulturvergleich, die Generierung von Bedeutung durch Sinneseindrücke und das Zusammenspiel und die Hierarchisierung der Sinne.“ Der zentrale Ausgangspunkt dabei ist die Einsicht, „dass unsere Sinne nicht mechanisch, etwa wie eine Linse oder ein Mikrophon, funktionieren, sondern kulturell geprägt sind.“ (Heidemann, 2011: 241)

Diese Einsicht ist auch in der Ethnologie relativ neu – zu erkennen daran, dass die Anzahl an ethnographische Monographien über die Bedeutung der einzelnen Sinne in anderen Gesellschaft recht überschaubar ist. Ganz zu schweigen von den frühen Monographien. Denn auch die Ethnolog_innen tappten lange Zeit, wie Aristoteles mit seiner Sinneshierarchie, in eurozentrischer Dunkelheit. Etwa wenn sie annahmen, dass dem Sehsinn überall und jederzeit dieselbe dominante Stellung zugesprochen wird.

Selbstverständlich musste eine solche „Blindheit“ zu falschen Schlüssen ziehen. So ist es nicht verwunderlich, dass Forscher den Menschen die Fähigkeit absprachen, sich selbst auf den Fotografien zu erkennen, weil diese sich eher für die Beschaffenheit des Bildes, das Material, interessierten als für die Abbildung. „Die Voreingenommenheit der Forscher gegenüber diesen Nahsinnen, die sie selbst zu analytischen Zwecken höchst eingeschränkt einsetzten, verwehrte hier die Erkenntnis des Fremden.“ (Heidemann, 2011: 243)

Die Erkenntnis der eigenen „Blindheit“ kam erst später. Aber sie kam. Mittlerweile weiß man, dass Sinneswahrnehmungen unterschiedlich geprägt sind und die Menschen in ihren jeweiligen Kulturen unterschiedlich beeinflussen. Ein unbetretenes Land mit viel Forschungsbedarf, findet Heidemann. „Die Art und Weise, wie Sinne hervorgehoben und in Beziehung zueinander gesetzt werden“, so Heidemann, „erweist sich als höchst komplex und verhindert eine Typisierung von sensorischen Systemen. Dennoch – oder gerade deshalb – steht für die Ethnologie die Aufforderung im Raum, sich mit den Sinnen näher zu befassen.“ (Heidemann, 2011: 244)

Nur einer von vielen: Die Wahrheit über den eigenen Tellerrand

Zurück an den Tisch. Die Auseinandersetzung mit den Tisch- und Esssitten weltweit zeigt: Der Blick über den eigenen hinaus – und in die Tellerränder der anderen hinein – schärft nicht nur den Blick, sondern auch andere Sinne. Und vielleicht ist die Zunahme an der Finger-Food-Kultur in unserer Gesellschaft ein Zeichen dafür, dass diese vielfältigen Einblicke in die Teller der anderen unsere Wahrnehmungen und Einstellungen für das, was wir mitunter als „Normalität“ wahrzunehmen gelernt haben, sich zunehmend differenzieren. Die Erforschung der Sinne, deren Hierarchien und Bedeutungen in anderen Kulturen wird sicherlich zur Transparenz, und Toleranz angesichts verschiedener „Normalitäten“ am Tisch beitragen. Und vielleicht hört man schon bald öfters aus den Eltern-Kind-Cafés die Mütter zu ihren Kleinsten sagen: „Ach, lass die Gabel. Zück die Finger – und iß!“

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