Rassistisch oder Respektvoll? Warum Petitionen wie die gegen den „Coburger Mohr“ immer wieder scheitern

An Coburgs Stadtwappen erhitzen sich immer wieder die Gemüter. Ein dunkelhäutiger Mann ist dort abgebildet, mit krausem Haar, vollen Lippen und großen Ohrringen. Die Coburger nennen ihn liebevoll „Coburger Mohr“. Überall im Stadtbild trifft man auf seine Erscheinung. Im Zuge der #BlackLivesMatter-Bewegung, die seit dem gewaltsamen Tod des Schwarzen US-Amerikaners George Floyd Ende Mai auch in Deutschland entfacht wurde, heißt es nun wieder: Der Mohr muss weg! Also, zumindest sein Kopf. Aus dem Stadtwappen. Denn so wie er da abgebildet ist, sei es ein stereotypes und klischeehaftes Bild eines „Afrikaners“. Man habe sich hier einer kolonialen Bildsprache bedient. Dies sei diskriminierend und rassistisch – und gehöre abgeschafft.

 

Die Petition gestartet haben zwei junge Journalistinnen und ehemalige Oberfränkinnen. Mit ihrer Petition gegen den „Coburger Mohr“ lösten sie in der Stadt, in den Medien und in den sozialen Netzwerken eine Welle an, nun ja, kontroversen Emotionen aus. Haben sie ihr Ziel, über 5.000 Unterschriften für die Abschaffung des Wappens zu sammeln, erreicht? Nope. Haben sie heftige Emotionen unter den Stadtbewohner_innen hervorgerufen? Oh ja. Und das Wichtigste: Haben sie ein Umdenken bei den Coburger Bürger_innen erreicht und die Welt weniger rassistisch gemacht? Nicht wirklich.

Woran hat’s gelegen, dass die Petition ihr Ziel verfehlt hat? Im folgenden Artikel möchte ich

  • zunächst aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und unterschiedliche Meinungen zusammenfassen, die diese Stadtwappen-Debatte zum Vorschein brachte,
  • anschließend ein paar Ideen dazu zu äußen, warum Petitionen wie diese mehr scheitern denn gelingen,
  • abschließend vorschlagen, wie Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Auffasungen bezüglich einer Sache miteinander umgehen sollten, wollen sie große Veränderungen in der Gesellschaft erreichen.

Doch zuallererst bedarf es einer Antwort auf diese Frage:

Wer ist dieser Heilige Mauritius überhaupt?

Was wir von ihm wissen: Er kam sehr wahrscheinlich aus Nordafrika (Ägypten), kämpfte im Mittelalter an der Seite der katholischen Kirche, wurde gefangen genommen und von Römern gezwungen, ihren „heidnischen“ Göttern zu huldigen. Er weigerte sich und bezahlte dafür mit seinem Leben. Und wird seither von gläubigen Menschen als Märtyrer bzw. Heiliger verehrt. So auch in Coburg (dort sogar als Stadtpatron). Seit dem 13. Jahrhundert ziert sein Antlitz zahlreiche Münzen. Und ab 1580 auch das Stadtwappen.

„Habt ihr keine anderen Probleme?“ Aus Sicht der Coburger_innen

Wie reagierten die Coburger Bürger_innen auf die Petition? Nun, die meisten von ihnen waren, gelinde gesagt, „not amused“. Eine Gegenpetition für den Erhalt des Wappens erhielt innerhalb kürzester Zeit mehr Stimmen als die Petition für die Abschaffung. Der stellvertretende Zweite Bürgermeister Hans-Herbert Hartan (CDU) reagierte empört und fand sowohl die Petition als auch die Rassismusvorwürfe „völlig sinnfrei“. Eine Zeit lang ploppte der Heilige Mauritius in zahlreichen Facebook-Avatarbildern auf, weil viele Nutzer_innen das Wappenbild in ihre Profilbilder platzierten – aus Solidarität, Heimatliebe, und vielleicht auch aus Trotz? Andere gaben ihren Gefühlen in einer lokalen Facebook-Gruppe freien Lauf: „Habt ihr keine anderen Probleme?“ war eine der häufigsten Kommentare, dicht gefolgt von „Ich esse weiterhin meine N*küsse“. Der Tenor war jedenfalls eindeutig: „Unser Mohr bleibt!“

„Die Darstellung des Heiligen Mauritius ist rassistisch!“ Aus Sicht der Kritiker_innen

Für die Aktivistinnen hingegen ist der Fall so klar wie Kloßbrühe: Das Wappenbild ist Rassismus pur!

Nun, was man auf jeden Fall als wahr ansehen kann: Die Darstellung des Heiligen Mauritius auf dem Wappen ist sehr wahrscheinlich nicht authentisch. Wahrscheinlich lief es damals so ab: Die mittelalterlichen(?) Zeichner bekamen den Auftrag, den Heiligen Mauritius zu zeichnen. Wussten allerdings nicht, wie er aussah. Gab’s ja schließlich keine Fotos. Leibhaftig gesehen hat ihn ebenfalls keiner. Sie nahmen allerdings an, dass er, weil er Mauritius heißt, wohl ein „Maure“ gewesen sein musste. Also malten sie ihn so, wie man sich damals einen „Mauren“, einen „Afrikaner“ vorstellte – schwarzer Kopf, volle Lippen und große Ohrringe.

Irgendwann wurde aus dem Heiligen Mauritius der „Coburger Mohr“. Vielleicht wollten die Stadtbewohner_innen nicht ständig „Heiliger Mauritius“ sagen, weil der Begriff zu lange, zu sperrig, zu wenig heimatlich war? Vielleicht wollten sie gerne noch mehr Verbundenheit herstellen, indem sie den Namen (Mauritius=Maure=Mohr) und den Stadtnamen unter einen Hut brachten (hat ja auch was mit Identität zu tun)?

Wenn wir die Entstehung des Wappenbildes aus dieser Perspektive betrachten, dann ja, dann müssen wir zwingend zur Schlussfolgerung kommen: Es ist eine klischeehafte Darstellung eines Menschen mit dunkler Haut. Auch der Begriff „Mohr“ ist eine Fremdbezeichnung und wird heute von vielen Menschen mit dunkler Haut als diskriminierend verstanden und erlebt.

„Rassistisch? Das kann man sooo…pauschal nicht sagen“ Aus Sicht der Kulturwissenschaftler_innen

Schaut man sich die Diskussionen in kultur- und geschichtswissenschaftlichen Kreisen an, scheint die Sachlage nicht so glasklar zu sein. Folgende Fragen kamen auf:

  • Ist eine stereotype Darstellung einer historischen Person, von der eben KEINE authentischen Bilder existieren, gleich „rassistisch“?
  • Sind stereotype Darstellungen per se stets negativ konnotiert und „rassistisch gemeint“? Ein Stereotyp an sich ist ja eigentlich wertneutral. Bis es irgendwann mit einer Bedeutung „gefüllt“ wird. Die dann auch mal negativ ausfallen kann…
  • Ist es nicht eigentlich andersrum diskriminierend, einen dunkelhäutigen Menschen – immerhin in diesem Falle eine historische Persönlichkeit – aus dem öffentlichen Stadtbild zu entfernen? In ethnologischen Kreisen waren die Meinungen weniger emotional, gesetzter, ruhiger. Und dennoch kontrovers. Es gibt Stimmen, die der Argumentation der Kritiker_innen folgen und finden, wir als weiße und privilegierte Personen müssen jenen zuhören, die betroffen sind und die sich diskriminiert fühlen. Es gibt Stimmen, die sagen, das Wappenbild muss entfernt, das M-Wort darf nicht mehr verwendet werden. Und es gibt Stimmen, die sagen, ein afrikanischer Schutzpatron für eine deutsche Stadt sei doch das exakte Gegenteil von Rassismus und erinnere vielmehr an eine gemeinsame europäisch-afrikanische Geschichte. Und daran erinnern, dass schon einmal Coburgs Wappen verschwinden musste, aus rassistisch-ideologischen Gründen – in der NS-Zeit.

Was ist an den Forderungen problematisch?

Forderung: „Zeichnet den Heiligen Mauritius authentischer!“

Es gab Forderungen, die sagten: „Zeichnet den Mauritus einfach authentischer!“ Dann stellt sich aber die Frage: Was bedeutet das genau, „authentischer“? Wenn man annahm, dass Mauritius aus Ägypten kam, heißt es dann, er solle „ägyptischer“ aussehen? Wäre aber das nicht ebenfalls lediglich eine andere stereotype, sprich klischeehafte Darstellung, nämlich die eines „Ägypters“ – und deshalb ebenfalls diskriminierend und „rassistisch“? Fakt ist: Keiner weiß, wie Mauritius tatsächlich ausgesehen hat. Ihn nun „ägyptischer“ zu zeichnen würde das Problem „klischeehaft und diskriminierend“ nicht ausmerzen, sondern lediglich verschieben. Darüber hinaus: Wer sagt denn, dass Mauritius nicht doch Schwarz war? Auch im Mittelalter gab es Migrationen. Durchaus möglich also, dass Mauritius tatsächlich aus einem afrikanischen Land nach Ägypten einwanderte.

Forderung: „Entfernt den Heiligen Mauritius komplett!“

Die Entfernung des Heiligen Mauritius aus dem öffentlichen Stadtbild – sein Bild ziert in der Stadt nicht nur viele Gullideckel, sondern auch Hausfassaden, Logos und vieles mehr – hat neben dem finanziellen Aspekt noch eine andere Seite, die wahrscheinlich viel mehr zwickt: Die emotionale. Dies konnte man vielen empörten, wütenden, trotzigen Reaktionen in den sozialen Netzwerken entnehmen. Warum kommt es überhaupt zu solchen Emotionen?

Nun, viele Menschen, aber auch Gesellschaften und Regierungen, lassen sich in zwei extreme Pole verorten:

  • jene, die offen sind für Neues, Änderungen, Wandel
  • jene, die sich lieber auf Altes und Bewährtes verlassen, die Traditionen lieben, sie hegen und pflegen, und all dem „neumodischen Schnickschnack“ mit Argwohn und Verteidigungsgebahren begegnen.

Und während die einen kein großes Drama rund um das Coburger Stadtwappen machen, gehen die anderen auf die Barrikaden.

Das Stadwappen existiert seit 1580 auf Coburgs Stadtwappen. Das ist eine ziemlich lange Zeit. Die Forderung, nun dieses Wappen zu ändern, den „Coburger Mohr“ zu ersetzen, grenzt aus der Perspektive der Wappen-„Verteidiger“ an Blasphemie, (siehe empörte und emotionsgeladenen Kommentare in der Coburger Facebook-Gruppe). „Einen alten Baum verplfanzt man nicht!“, hallt mir dann im Kopf, während ich die Kommentare durchlese. Allerdings: Das Festhalten am Alten ist eben auch ein Hindernis, wenn Neues enstehen soll. Und nicht immer ist „alt“ und „war immer schon so gewesen“ ein guter Ratgeber für die Zukunft.

Der Ton macht die Musik! Warum man mit Petitionen wie diesen keinen Rassismus bekämpfen wird

Eins vorneweg: Sich für die Abschaffung rassitisch gelesener Begriffe und Bilder einzusetzen ist richtig und wichtig. Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist allerdings, ob das hierfür gewählte Mittel zum gewünschten Ziele führt. In diesem Fall: Eine öffentliche Petition zu starten, in der die Angesprochenen – genauer: Coburger Bürger_innen – mit einem erhobenen Zeigefinger an die Wand gestellt, des latenten Rassismus bezichtigt und in aller Öffentlichkeit aufgefordert werden, sich von „ihrem“ Stadtwappenbild/Schutzpatron zu verabschieden.

Es ist meiner Meinung nach viel zu einfach gedacht, solch historisch gewachsenen, bedeutungsschwangeren, für manche Personen(-gruppen) identitätsstiftenden Symbole quasi über Nacht abschaffen zu wollen. Immerhin brauchte es viele Jahre, Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, damit sie zu dem wurden, was sie für manche Menschen sind: Tradition, Vertrautheit, Zugehörigkeit, Heimatgefühl.

Mit der Tür ins Haus zu fallen und eine Person, eine Gruppe – oder hier eine Stadt – öffentlich in die Rassismus-Ecke zu stellen, bringt nämlich nur eine mögliche Reaktion hervor: Abwehr und Verteidigungshaltung. Denn keine_r von uns lässt sich gerne des Rassismus bezichtigen. Und wird sich empört verteidigen, sobald jemand ihn/sie öffentlich vor allen Anderen so nennt. Die Folge wird sein/ist: Verhärtete Fronten, kein gegenseitiger Austausch, alles bleibt beim Alten. Auch rassistische Begriffe und Motive.

Ein ähnliches Schicksal erlitten vor ein paar Jahren Aktivist_innen in Mainz, die öffentlich die Abschaffung des Logos der Dachdeckerfirma Thomas Neger (sein offizieller Name) forderten. Auch dort verhärteten sich die Fronten. Hatte der aktuelle Inhaber Thomas Neger anfänglich Bereitschaft gezeigt, über das Logo, das sein Großvater vor 60 Jahren in Anspielung auf seinen Nachnamen entwerfen ließ, eventuell zu überarbeiten, änderte er seine Meinung, je öffentlicher die Debatte weiter geführt wurde. Gründe waren wohl unter Anderem, dass der Enkel Neger es auf einmal doch nicht einsah, das traditionsreiche Unternehmen seines Großvaters mit seinem sicherlich nicht rassistisch gemeintem Logo ändern zu müssen, weil ein paar Aktivist_innen es plötzlich rassistisch fanden. Und auch ihn in aller Öffentlichkeit in die Ecke der „Rassisten“ stellten. Dies ist nun ein paar Jahre her. Das Logo ist noch da. Die Aktivist_innen wandten sich schließlich enttäuscht ab. Auch damals hat übrigens die Facebook-Seite der Logo-Befürworter die der Gegner überwogen.

Vorschläge für eine Begegnung auf relativer Augenhöhe, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren

Will man Veränderung herbeiführen, insbesondere bei solchen Sachen, wie problematischen – oder problematisch gewordenen – Begriffen, Straßennamen, Denkmälern oder eben wie hier Stadtwappenbildern – so braucht es einerseits: Ruhe, Geduld und Zeit. Und andererseits auch: Die richtige Herangehensweise. Denn nicht umsonst heißt es ja: Der Ton macht die Musik. An jene, die nun empört „Auf Augenhöhe hat es doch nie gegeben!“ rufen wollen, würde ich gern die Frage stellen: Um des Zieles Willen, sollte man es nicht dennoch versuchen? Einander zuhören? Versuchen, auch diese andere Perspektive mit vermeintlich untragbaren Argumenten, nachzuvollziehen?

Will man Veränderung herbeiführen, so braucht es die Begegnung aller Parteien, und dies in einer Atmosphäre, in der alle Seiten friedlich (!)- wirklich, das ist sehr wichtig – ihre Anliegen austauschen, Argumente anbringen, Bedenken äußern können. Denn einander Anklagen und Bezichtigen führt nicht zum erwünschten Ziel. Das hat es noch nie.

Will man Veränderung herbeiführen, müssen alle Beteilgiten in der Lage sein – ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist für einen fruchtbaren Dialog einfach so unfassbar wichtig – den Anderen zuzuhören, zu versuchen, die Argumente der jeweils Anderen nachzuvollziehen (Perspektivenwechsel) und zu versuchen, die eigenen Argumente kritisch zu prüfen, den eigenen Ethnozenrismus zu erkennen und zu überwinden. Perspektivenwechsel und Erkennen und Überwinden des Ethnozentrismus, dies sind zwei der wichtigsten Eigenschaften, die man für erfolgreiche interkulturelle Begegnungen benötigt, die sich aber, in abgewandelter Form, sehr gut in jeder anderen „Wir“-Gruppe anwenden lassen können.

Will man Veränderung herbeiführen, sollte man sich gemeinsam an einen Tisch setzen und gemeinsam nach möglichen Lösungen suchen. Anders kommt man nichts ans Ziel. Und um das Ziel soll es ja letztendlich gehen. Damit sich alle Menschen(gruppen) in unserer multikulturellen Gesellschaft respektvoll behandelt fühlen können.

 

Links:

https://www.infranken.de/lk/coburg/petition-gegen-den-coburger-mohr-art-5016971

https://www.infranken.de/lk/gem/identifikationsfigur-der-coburger-art-5021605

 
https://noizz.de/meinung/der-coburger-mohr-eine-stadt-vollgepflastert-mit-rassistischen-stereotypen/fc5nr90
https://ze.tt/coburger-mohr-zwei-frauen-fordern-in-einer-petition-die-aenderung-eines-rassistischen-stadtwappens/
 
https://www.dw.com/de/coburger-mohr-sorgt-f%C3%BCr-rassismus-diskussion/l-54294011
https://www.sueddeutsche.de/bayern/coburg-stadtwappen-mohr-rassismus-nationalsozialismus-1.4951079
 

https://www.tagesspiegel.de/politik/firma-neger-in-mainz-streit-um-firmenlogo-eskaliert/11613776.htm

https://www.welt.de/vermischtes/article138949295/Das-Logo-der-Firma-Neger-sorgt-fuer-hitzigen-Streit.html

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