„SEID OFFEN FÜR ALTERNATIVEN“- IM GESPRÄCH MIT ANNA SPERK, AUTORIN VON „DIE HOFFNUNGSVOLLEN“

Vor einiger Zeit bin ich auf das Buch „Die Hoffnungsvollen“ gestoßen – und musste es sofort in meinen Ethno-Bücherbestand aufnehmen. Natürlich hat mich getriggert, dass die Romanfigur, Alex, Ethnologin werden will 😀 und dass die Autorin, Anna Sperk, ebenfalls Ethnologin ist. Und weil es im Buch um ein wichtiges Thema geht – das Prekariat im Wissenschaftsbetrieb, eine „erschreckende Situation junger Wissenschaftler heute“, wie es die Autorin schreibt.

Und nun hatte ich die Ehre, mich mit Anna Sperk persönlich über ihr Buch und über ihre Erfahrungen als Ethnologin an der Universität zu unterhalten. Neben all dem Schönen, dass das Studium der Ethnologie zu bieten hat – Menschenkenntnis, Empathie, Perspektivenwechsel, (kritische) Selbstreflexion, etc. – musste leider viel Kritik am Wissenschaftsbetrieb an den deutschen Universitäten geübt werden, doch das lest lieber selbst.

DAS BUCH

Zunächst ein paar Worte zum Buch: Alex will Ethnologin werden, doch das Orchideenfach, in dem am Bedarf vorbei Massen ausgebildet werden, erweist sich zunehmend als Sackgasse. Dabei lernte sie früh, sich durchzuschlagen. Ein Abrisshaus ist preiswerte Bleibe, Ausgrabungen finanzieren ihr Studium und ihre Forschungen in Sibirien. Während ihrer Promotion wird sie Mutter. Von da an hangelt sie sich von Projekt zu Projekt, während Anträge zum Lottospiel verkommen. Eine unbefristete Stelle scheint nun unerreichbar, und als ihre Tochter größer wird, muss sie, um ihr ein halbwegs normales Leben bieten zu können, eine Entscheidung treffen – bleiben oder gehen?

Anna Sperk skizziert in diesem Roman exemplarisch den Berufs-(eher Leidens-)weg vieler Hochschulabsolvent_innen. Durch die klare und sehr aufgeräumte Sprache hat der Leser ein leichtes, dem Lebensweg von Alexandra zu folgen, ihr über die Schulter zu schauen – und an Scheidewegen mit ihr mit-zu-zittern. Dabei erfährt man so einiges darüber, wie es hinter den universitären Fassaden tatsächlich ausschaut. Seien es die desillusionierten Professoren, sei es die Konkurrenz unter den Nachwuchswissenschaftler_innen, die dem Arbeitsklima sichtlich nicht gut tut, sei es der ständige Druck der Projektbewilligungen. Und immer wieder: Die Ungewissheit, wie es „danach“ nun weiter geht.

Wer es lesen möchte, kann es z.B. hier bestellen.

DIE AUTORIN

Anna Sperk, geboren 1974 in Oelsnitz/Vogtland, ist promovierte Ethnologin und Autorin von zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Derzeit lebt und arbeitet sie in Halle (Saale). Der Roman »Die Hoffnungsvollen« wurde vom Land Sachsen-Anhalt mit einem Autorenstipendium gefördert und mit dem Klopstock-Förderpreis 2018 ausgezeichnet. Er ist ihr belletristisches Debüt.

DAS INTERVIEW

Du bist selbst Ethnologin und warst lange Zeit im Wissenschaftsbetrieb tätig, bevor du Autorin wurdest. Auch deine Protagonistin Alex studiert Ethnologie und startet ihren beruflichen Werdegang an der Universität. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Roman darüber zu schreiben?

ANNA SPERK: Ich schreibe seit meiner Kindheit. Mit ca. 10 Jahren begann ich, einen Roman über zwei nordamerikanische Indianermädchen zu verfassen. Als das handschriftliche Manuskript verlorenging, fehlte mir die Lust, den gesamten Text zu rekapitulieren. Stattdessen plante ich einen neuen Text, zum selben Thema, aber näher an der Realität, d.h. besser recherchiert.

Als Lektüre dienten mir in meiner Kindheit vor allem die populärwissenschaftlichen Werke von Erich Wustmann (in der DDR ein sehr bekannter populärwissenschaftlicher Ethnologe und Filmemacher) und Miloslav Stingel (tschechischer populärwissenschaftlicher Ethnologe, der vor allem über Altamerikanistik geschrieben hat).

Durch ihre Bücher entstand bereits in der DDR mein Wunsch, als Ethnologin in die Wissenschaft zu gehen, den ich mir nach der Wende, ab 1992, zu erfüllen versuchte.

Während meiner Promotion wurde ich Mutter und als meine Tochter in die Schule kam, wollte ich keine befristeten Stellen mehr im Ausland annehmen. An einer Universität oder an einem Forschungsinstitut in Deutschland zu bleiben, dafür gab es erstmal keine Aussichten. Mein DFG-Antrag wurde zwei Mal abgelehnt, Stellen fand ich nicht. Weitere Stipendien zu beantragen, kam auch nicht in Frage, da ich über Stipendien nicht in die Renten- und Sozialkasse einzahlen konnte, was wiederum hieß, als Stipendiatin konnte ich keine Rentenpunkte sammeln und hatte kein Anrecht auf ALG I. Es musste sich also in meinem Berufsleben grundlegend etwas ändern, zumal ich ein Kind ernährte.

Wenn es in der Wissenschaft nicht weiter geht, überlegte ich mir schließlich, dann widme ich mich eben neben einem Brotjob der Literatur. Nach einigen Anstrengungen kam ich 2015 in der Flüchtlingshilfe unter und schrieb in der Zeit davor und während meiner Berufstätigkeit an meinen ersten beiden Romanen, die ich im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichen durfte.

Mein erstes literarisches Projekt – noch während meiner Arbeitslosigkeit und Hartz IV-Zeit – sollte ein Buch über die akademische Laufbahn eines „typischen“ Nachwuchswissenschaftlers in Deutschland sein. Und typisch sind nicht die Lebensläufe von Professoren, sondern die von den anderen 95%-99%, die irgendwann die Wissenschaft aufgeben müssen, auch wenn sie das nicht wollen, und die ein Leben lang darum gekämpft haben, sich innerhalb der Wissenschaft zu etablieren. Mit diesem Roman hatte ich dann auch gleich Glück. Das Buch erhielt 2018 den Klopstock-Förderpreis für neue Literatur des Landes Sachsen-Anhalt.

Wieviel Anna steckt in der Protagonistin Alexandra Sanger?

Es gibt schon viele Parallelen zwischen meinem Weg und dem von Alex Sanger. Der Roman basiert natürlich auf eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, bezieht aber auch die Lebenswege von Kommiliton*innen und Kolleg*innen sowie Freunden und Bekannten mit ein.

Was ich und meine Interviewpartner erlebt haben, wurde von mir literarisch zu einem Plot verdichtet, denn ich wollte bewusst einen Gesellschafts- bzw. Entwicklungs- Roman schreiben und kein Sachbuch oder Autobiographie.

Warum sollte es unbedingt ein Roman werden und z.B. keine Autobiographie?

… um ein breites Publikum zu erreichen.

Ich wollte keine wissenschaftliche Studie aus unseren Erfahrungen generieren, denn dafür hätte mir offiziell die Kompetenz gefehlt. Mein Buch wäre nicht gelesen worden. Auch ein Sachbuch erschien mir als ungeeignet, mein akademisches Publikum zu erreichen, denn Wissenschaftler_innen interessieren sich eher wenig für Sachbücher. Autobiographien dagegen sind ebenfalls nur Verdichtungen. Sie beanspruchen für sich „die Wahrheit“ zu sagen, wiederspiegeln aber nur die Sicht bzw. Perspektive einer Autorin oder eines Autors. Warum also – nach der Writing Culture-Debatte – nicht ehrlich sein und sich gleich zur Dichtung bekennen bzw. diese für die eigenen Zwecke nutzbar machen?

Das Genre „Roman“ bringt genannte Probleme nicht mit sich und es steckt in einem Roman auch das Versprechen von anregender Unterhaltung. Gerade weil der Bildungsroman für viele Wissenschaftler mal was anderes ist, greifen die Akademiker gern zu. Das spiegelt sich in den Verkaufszahlen wieder. Außerdem: Das Genre „Roman“ animiert Wissenschaftler, auch mal etwas zu lesen, das nicht unbedingt zu den eigenen Forschungsthemen gehört und wofür der Autor nicht unbedingt offiziell ausgewiesen sein muss, anders als durch seinen persönlichen Lebenslauf.

Im Buch warnt der Ethnologie-Professor Ulrich bereits die Erstsemester, dass nur wenige von ihnen es bis zur Promotion schaffen werden und kaum einer eine Professur erhalten wird. Das war Anfang der 1990er Jahre. Hat sich, fast 30 Jahre später irgendwas an dem Zustand von damals geändert?

Es hat sich nichts Nennenswertes verbessert. Die Situation hat sich für Nachwuchswissenschaftler seit den 90ern durch massiven Stellenabbau und das Wissenschaftszeitvertragsgesetz vielmehr verschlechtert.

Was bringt es z.B., wenn eine Uni für Familienfreundlichkeit ausgezeichnet wird, während das gesamte Wissenschaftssystem familienfeindlich ist? Die Familienfreundlichkeit einer einzelnen Uni kann man nur nutzen, so lang der befristete Vertrag läuft. Das eigentliche Problem ist aber das nationale und internationale Hopping, das man von uns Nachwuchswissenschaftler_innen erwartet. Wie soll man eine Familie gründen, wenn die beiden Eltern nicht nur in verschiedenen Städten arbeiten, sondern auch noch aller drei bis sechs Jahre innerhalb und außerhalb Deutschlands immer wieder neue befristete Stellen antreten müssen, aller paar Jahre ein neuer Arbeitsort und ein neuer Lebensmittelpunkt? Kann man das und immer wieder eine andere Unterrichtssprache einem Schulkind zumuten? Und geht das, wenn beide arbeitstätig sind, oder muss dann nicht vielmehr ein Partner beruflich zurückstecken?

Der Wissenschaftsbetrieb soll also familienfreundlicher werden?

Genau. Das heißt, z.B., dass die Familie sesshaft werden kann. Wenn man Kinder hat, braucht man Stabilität – was den Arbeitsort betrifft, aber auch finanzielle Sicherheit.

Wäre ich meinen wissenschaftlichen Weg weiter gegangen, dann wäre ich nun in Finnland oder der Türkei und zwischendurch ein Jahr in Russland. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hätte ich keine Arbeit und keinen Anspruch auf ALG I. Auch die Rentenversicherung wäre nicht gezahlt worden.

Aber noch schlimmer für meine Tochter: sie hätte von der 1. bis zur 3. Klasse ein Jahr an einer türkischen Schule, ein Jahr an einer russischen Schule und dann wieder ein Jahr an einer türkischen Schule Schreiben und Lesen lernen müssen. Der Preis, den meine Tochter hätte zahlen müssen, ist eindeutig zu hoch.

Deine Protagonistin ist im Laufe ihrer Promotion Mutter geworden und musste mit so einigen Hürden umgehen. Sind Kinder letztendlich doch Karrierekiller für die Frauen?

Ich würde eher sagen, die wissenschaftliche Karriere ist ein Familienkiller! Nicht die Kinder sind schuld, wenn man in der Wissenschaft scheitert, sondern da stimmt etwas im Wissenschaftssystem nicht, wenn man als Mutter scheitert.

Haben Frauen es generell schwerer als Männer an der Universität, beruflich Fuß zu fassen? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Ich stamme aus der DDR und bin in dem Selbstverständnis aufgewachsen, dass Männer wie Frauen gleichberechtigt Karriere machen können. Mit diesem Selbstverständnis bin ich durch meine gesamte wissenschaftliche Laufbahn gegangen. Für mich war es immer fraglos, Familie und Beruf vereinbaren zu wollen. Davon konnten mich auch mehrere westdeutsche Professorinnen nicht abbringen, die mir dringlichst vom Kinderkriegen abgeraten haben, was einer ostdeutschen Wissenschaftlerin niemals in den Sinn gekommen wäre. Nicht wir Eltern sollten uns an das Wissenschaftssystem anpassen und unsere Kinder zurückstecken lassen, sondern das Wissenschaftssystem sollte familienfreundlicher werden. Schließlich wollen wir doch auch Akademikerkinder in Deutschland, oder? Und dazu gehört, berufliche Stabilität in der Lebensplanung junger Wissenschaftlerfamilien zu gewährleisten.

Mein Eindruck ist, dass nicht das Mann-Frau-Sein eine Rolle spielt, sondern es spielt eine Rolle, dass die Frau die Kinder bekommt und das die Mutter-Kind-Beziehung anfangs sehr wichtig und eng ist. Man fragt sich eben doch, was man seinen Kindern zumuten kann und was nicht.

Und da machen Mütter eher Abstriche, besuchen weniger Konferenzen, sind dadurch weniger „sichtbar“, können nicht an ihren Netzwerken arbeiten – und verpassen berufliche Chancen …

Ich würde nicht unbedingt sagen, ich hatte Nachteile, weil ich eine Frau bin, sondern ich hatte massive Nachteile, weil ich eine Mutter bin.

Am Ende des Buches schreibst du, blickt Alex auf die junge Generation von Studierenden, die noch nach vorn schauen, und erkennt an ihrem eigenen Rückblick, dass sie am Ende eines Weges steht. Das klingt ebenfalls ein bisschen bitter. Was würdest du den jungen heute Ethnolog*innen raten, was sie tun sollten, um später auch mit diesem Abschluss erfolgreich ins Berufsleben zu starten?

Ich weiß nicht, was ich hätte anders oder besser machen können. Insgesamt finde ich, habe ich das Maximum getan.

Eines würde ich aber keinesfalls tun – Frauen zu raten, für die Karriere auf Kinder zu verzichten. Für mich ist die Erfahrung der Mutterschaft mindestens genauso wichtig, wie berufliche Erfüllung, nach der ich nach wie vor strebe.

Wichtig ist: Man muss sich von vornherein klar sein, dass die Chancen, sich wissenschaftlich zu etablieren, extrem gering sind, und dass es eben nicht nur von den eigenen Leistungen abhängt, ob man es schafft.

Deshalb sollte man offen für Alternativen sein und bereits Alternativen ins Studium mit einplanen, z.B. mittels eines anwendungsfreudigeren Nebenfachs. Mein Rat an Studierende ist deshalb, achtet immer darauf, Eure Zukunft auf mehreren Standbeinen aufzubauen. Je breiter man aufgestellt ist, umso leichter fällt später das Berufsleben.

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