„WIR“ UND „DIE ANDEREN“ ODER WIE WIR „FREMDE“ ERSCHAFFEN

Flüchtlinge, Migranten, oder deutsche Staatsbürger „mit Migrationshintergrund“: Menschen, die… nun ja, „von woanders“ sind, haben es in Deutschland schwer. Die deutsche Mehrheitsbevölkerung, so scheint es, hat Angst vor den „Fremden“. Und damit meine ich nicht nur die aktuell sehr besorgten patriotischen Europäer, die mittlerweile zu Tausenden auf die Strasse gehen – und mir nicht erzählen können, dass „gegen Islamisierung des Abendlandes“ zu protestieren nicht rassistisch ist.

Aber über die will ich ja gar nicht schreiben. Ich will hier generell der Frage nachgehen, wie wir sie eigentlich konstruieren, diese „Fremden“.

Nehmen wir als Beispiel Flüchtlinge: Wenn Menschen sich entscheiden, ihre Heimat zu verlassen, dann geschieht dies oft nicht aus reinster Abenteuerlust oder aus Jux und Dollerei, nein – es geschieht aus einer echten Not heraus.

Was sie vertreibt, ist die lebensbedrohliche Situation im eigenen Land.

Was sie antreibt, ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

„Gastfreundliches Zielland“. Utopie und Realität

Im Zielland angekommen, wünschen sie sich eigentlich nicht viel:

Dass ihr Leiden ein Ende hat.

Ein Dach über dem Kopf.

Etwas zu essen.

Frieden für die Seele.

Und manchmal vielleicht auch: Verständnis und Mitgefühl von den sie Umgebenden für ihr erlebtes Leid.

Doch die Realität sieht leider anders aus. Die Asylpolitik in Deutschland – und in vielen europäischen Ländern auch – lässt sie sich von Anfang an als Kriminelle fühlen.

Sie dürfen die ersten Monate nicht arbeiten oder ohne Sondergenehmigung frei in Deutschland reisen. Und bis vor Kurzem mussten Abschiebehäftlinge auf ihre Ausreise in Gefängnissen warten. Zusammen mit wirklichen (!) Straftätern.

Aber schlimmer noch ist: Das Gefühl, nicht willkommen zu sein, hört bei den Behörden nicht auf. Er bleibt im Alltag bestehen.

Erst vor Kurzem wurden wieder Flüchtlingswohnheime in Brand gesetzt und die Wände mit fremdenfeindlichen Sprüchen beschmiert.

Auch als Bulgarien und Rumänien in die Europäische Union aufgenommen wurden und viele Sinti und Roma nach Deutschland kamen, beäugte man diesen Umstand äußerst kritisch. Man sprach von „Bettelbanden“, „Armutswanderung und „Wirtschaftsflüchtlingen“

Alte Ressentiments gegenüber „Zigeunern“- heute ist es ein Schimpfwort – flammten wieder auf.

Und nicht nur Flüchtlinge haben ein „Fremdheits“-Problem

Ablehnung und Ausgrenzung aufgrund des „Andersseins“ erfahren aber nicht nur Flüchtlinge.

Auch Menschen, die hier geboren sind, die einen deutschen Pass besitzen – die sich in ihrer Identität also in keiner Weise anders als „deutsch“ fühlen können, wie es der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba formulierte – machen im eigenen Land diskriminierende Erfahrungen, werden aufgrund ihres „ausländischen“ Aussehens und ihres „exotisch“ klingenden Namens zu „Fremden“ gemacht.

So erzählen Betroffene in Lesebriefen, in Blogs oder im Bekanntenkreis von abgesagten Besichtigungsterminen, sobald der arabische Nachname ausgesprochen wurde, von verwehrtem Zutritt in Nachtclubs, weil man „ausländisch“ ausschaue oder von Personalkontrollen durch die Polizei, weil man ja als dunkelhäutiger junger Mann „immer“ ins „Täterprofil“ passe.

„Integriert euch!“ heißt eigentlich: „Werdet deutsch!“

In Debatten um Integration wird immer gefordert: Integriert euch!

Und meint damit doch eigentlich, so Wolfgang Kaschuba, eine Assimilation, eine „kategorische Aufforderung, endlich wirklich ‚deutsch‘ zu sein.“

Diese Forderung ist allerdings paradox, führt der Kulturwissenschaftler in seinem Text über „Ethnische Parallelgesellschaften“ weiter aus. Die „deutsche Identität scheint etwas Besonderes“ zu sein, denn deutsch ‚wird‘ man nicht, deutsch ‚ist‘ man.“

Und zwar durch Abstammung, Sprache, Geist.

So manche Politiker, verrät Kaschuba, teilen diese Meinung auch heute noch.

Mythos „Deutsch-Sein“

Es scheint, dass Deutsche eine „fast neurotische“ Sehnsucht nach kultureller Einheitlichkeit haben und zugleich eine „tiefe Furcht“ vor Verschiedenheit.

Woher kommen diese Gefühle? Darüber kann man viel spekulieren und kontrovers diskutieren.

Vielleicht rührt es daher, weil Deutschland als „Nation“ im Laufe ihrer Geschichte vielfachen Brüchen ausgesetzt war und die Menschen auf der Suche nach ihrer ethnischen und kulturellen Identität eine „völkische“ Vorstellung von Deutsch-Sein entwickelt hatten?

Vielleicht aber auch ist diese Sehnsucht auf einer falschen, im alltäglichen Gebrauch allerdings weit verbreiteten Auffassung gewachsen, dass „Kultur“ etwas ist, das statisch, beständig und unveränderlich ist.

Wem nützt das „Wir gegen die Anderen“ – Denken?

Ein Zusammenschluss zu „Wir“-Gemeinschaften ist, so scheint es, ein urmenschliches Bedürfnis, denn es lässt sich fast überall auf der Welt beobachten.

Sie entstehen durch eine gemeinsame Verständigung darauf, was „uns“ verbindet und uns von den „anderen“ unterscheidet. Die Konstruktion des „Eigenen“ erfolgt also stets durch die Konstruktion des „Fremden“. „Wir“, das sind die „Nicht-Anderen“. Auf diese Weise entstehen übrigens alle Gruppen – ob nationale, ethnische, religiöse oder politische.

Ein Zusammenschluss zu einer „Wir“-Gemeinschaft hat klare Vorteile, keine Frage:

Auf diese Weise können bestimmte Ansprüche und Forderungen, z.B. auf ein Territorium, geltend gemacht werden. Problematisch wird es aber, wenn solche Zusammenschlüsse von politischen oder religiösen Akteuren dazu instrumentalisiert werden, um andere (aus politischen oder gesellschaftlichen Machkämpfen) abzulehnen und auszugrenzen. Was auch oft geschieht.

Wenn aus nationalem „Wir“-Gefühl Rassismus wird

In Deutschland entstand eine recht „völkische“ Vorstellung von Deutsch-Sein, erklärt Wolfgang Kaschuba, und als solche enthält sie viele rassistische Denkmuster.

Denn wenn „Deutsch“-sein als eine (angeblich!) ethnisch und kulturell homogene „Abstammungsgemeinschaft“ verstanden wird, dann ist der Zutritt von allen anderen, die eine „nicht-deutsche“ Abstammungsgeschichte haben, von vornherein ausgeschlossen. Auch Integration ist dann nicht möglich.

Wurden Menschen anderer kulturellen Herkunft früher aufgrund ihrer „biologischen Ungleichheit“ (sprich „Rasse“) diskriminiert, ist heute an diese Stelle die „Kultur“ getreten. Dann heißt es: „Die werden sich nicht ändern. Das ist halt deren Kultur“, wenn Nachrichten über Ehrenmorde, Zwangsheirat oder andere kriminelle Vergehen die Runde machen.

Insofern ist „Kulturalismus“ dann eigentlich nichts anderes als (versteckter) Rassismus.

Kultur: Einheit, die uneinheitlich ist

Was jene Menschen, die rassistisch/kulturalistisch argumentieren, oft vergessen – oder es schlichtweg ignorieren, ist:

KULTUR ist eben nicht statisch.

Zwar wird „Kultur“ als „tradiertes Wissen und Verhalten eines sozialen Kollektivs“ verstanden, wie es die Ethnologin Bettina Beer in ihrer Auseinandersetzung mit „Kultur und Ethnizität“ definiert, und besteht aus bestimmten Verhaltensmustern, aus traditionellen, sprich historisch überlieferten Ideen und damit verbundenen Werten, aber – und darin sind sich Kulturwissenschaftler einig

kulturelles Verhalten und Wissen ist erlernt!

Das bedeutet im Klartext: Auch eine KULTUR kann sich ändern.

  • Menschen anderer Herkunft könnten die lokale Mehrheitskultur neu lernen.
  • Menschen dieser Herkunft könnten aber auch die Kultur der anderen lernen.

Ein weiterer Konsens in den Kulturwissenschaften ist:

KULTUR ist nicht völlig homogen.

Es gibt Abweichungen von der kulturellen Norm auch innerhalb einer Kultur. Eine statische Vorstellung von Kultur ist viel zu einfach gedacht und entspricht nicht der gesellschaftlichen Realität.

„Kultur“ neu denken und kritische Selbstreflexion

Kultur“ ist, schlussfolgert Bettina Beer, eine

„Einheit, die uneinheitlich ist“

die zu einem bestimmten Zeitpunkt zwar empirisch erfasst werden kann, sich aber dennoch ständig verändert.

Wenn Kultur also als ein Prozess des Um- und Neugestaltens von eigenen und fremden Ideen, Erfahrungen und Werten verstanden wird, dann müsste man das „Fremde“ gar nicht fürchten, weil es ein Teil des „Eigenen“ ist.

Wir müssen umdenken und den Mythos von „Kultur“ als etwas Ganzem und Beständigem über Bord werfen. Denn dieser Mythos ist schlichtweg FALSCH.

Aber wie soll das erfolgen?

Zunächst mal ist es unumgänglich, sich selbst, seine eigenen Vorannahmen und Vorurteile gegenüber den oder dem „Anderen“ zu hinterfragen.

  • Warum denke ich über diese ethnische Gruppe so?
  • Woher habe ich mein Wissen über sie?
  • Woher kommen meine Vorurteile?

Appell an Medienschaffende: Macht eure Arbeit ordentlich!

Oft sind es auch die Medien, die ein relativ einseitiges und dazu noch oft negativ konnotiertes Bild von den „Anderen“ zeigen.

Viele Kulturwissenschaftler, die sich mit der medialen Darstellung von „ethnischen“ Gruppen befassen, haben das bereits bemerkt, erforscht und kritisieren.

Viel zu oft werden Flüchtlinge und Migranten in Verbindung mit „problematischen“ Themen wie Arbeitslosigkeit oder Kriminalität gezeigt.

Erfolgsgeschichten hingegen bleiben eine Rarität.

Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen. So kann es passieren, (und tut es auch), dass Betroffene sich schon allein aus Selbstschutz in „ihre Kultur“ zurückziehen. Im Hinblick auf die jüngeren muslimischen Generationen verwendete der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba den Begriff „Selbstorientalisierung“.Aus dieser Perspektive scheint es kaum verwunderlich, wenn viele jungen deutschen Muslime sich den radikal-islamischen Kämpfern des Islamischen Staats anschließen.

Daher ist mein Appell an die Journalisten unter euch:

Macht eure Arbeit ordentlich!

  • Seid euch stets dessen bewusst, welche Macht und welche Verantwortung ihr tragt mit dem was ihr schreibt und handelt dementsprechend.
  • Seid auch ehrlich zu euch selbst, denn: Richtig objektiv zu berichten ist ein Mythos. Jede/r von euch ist die Summe eurer Erfahrungen. Jeder hat eigene Scheuklappen. Das gilt es stets zu beachten.
  • Beginnt zuerst damit, euch selbst zu fragen, wie ihr zu den Menschen(-gruppen), über die ihr schreibt, steht, welche Gedanken und Positionen ihr habt und woher sie wohl kommen mögen. Denn Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung 😉
  • Formuliert positiv! Die Menschen sollen nicht bei den Worten „Migranten“, „Flüchtlinge“ als erstes an Mord und Totschlag, Leid und Seeleichen denken. Denn gefühlt ist es immer noch so: bei zehn Artikeln darüber verbreiten neun negative Energien.
  • Berichtet einfach differenzierter.

Und an den Rest von euch: Seid freundlich, lieb und redet miteinander!

Der beste Weg, die Angst vor dem „Fremden“ abzubauen ist, aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden. Nur das Unbekannte macht Angst. Wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und einander zuhören, erkennen wir, dass auch „das Fremde“ nur ein Konstrukt ist, das sich auflöst und dahinter Menschen sind wie du und ich.

6 Comments
  1. Ein Gedanke zur Medienlandschaft. Ich hab schon länger das Gefühl, dass unsere Medien irgendwie kaputt sind. Aber das ist ein anderes Thema. Im Kontext des Obigen, auch die Medienwelt setzt sich aus der Gesellschaft zusammen. Sie besteht ebenso aus den „Ängstlichen“ sowie aus denjenigen, die Fremde mit offenen Armen begrüßen. Die Verantwortung wird also sehr verschieden ausgelegt und begriffen. Ich persönlich frage mich immer, was ist der Schlüssel? Für mich ist es die Angst. Und wie kann der Ängstliche seine Angst aus sich selbst heraus überwinden? Ich denke, Aufklärung hilft leider nur sehr bedingt, weil jeder Mensch seine Überzeugung selbst finden muss und die Überzeugung nicht von Außen in den Menschen hineinoperiert werden kann. Schwierig, schwierig, schwierig. 🙁

    • Gegen die Angst hilft meiner Meinung nach Konfrontation. Menschen haben meistens Angst vor dem Unbekannten. Da muss man ansetzen und Möglichkeiten zur Begegnung mit den so genannten „Fremden“ schaffen. Und ja, ich denke darüber reden alleine reicht nicht aus. Die Menschen müssten die Begegnungen am eigenen Leibe und mit allen Sinnen erfahren 😀 Ich würde ja dafür plädieren, alle Ängstlichen zu den Quellen ihrer Ängste zu schicken, natürlich nicht ohne ihnen ein paar Verhaltenstools und ethnologische Gedanken mit auf den Weg zu geben 😉

  2. Mutiges Thema! sehr kritisch, ehrlich und gut umgesetzt! Guter Apell für Gleichheit und mehr Toleranz, auf allen Ebenen!
    Denn wenn wir uns, als Mensch, nicht als einer Nation, Kultur oder Religion zugehöriger sehen, dann erkennen wir sehr schnell, dass wir viel gemeinsam haben. „Everybode smiles in the same Language!“
    Lg Steffi
    http://www.felicee-feeling.de

  3. Pingback: davor und danach. zwischenstand im wortexotland 2015 - wOrteXot

  4. Ich verstehe es, dass du meinst die Kultur sei nicht statisch. Aber wieso sollte ich andere kulturelle Ansätze übernehmen, wenn diese veraltet und grausam sind? Sicher gibt es einige viele Dinge, die der hiesigen Kultur guttun würden. Nur muss ich mich doch auch zu Wort melden, wenn Dinge aus einer anderen Kultur Grausamkeit über den Menschen bringt.

    • Davon, veraltete und grausame kulturelle Ansätze zu übernehmen, habe ich doch gar nicht geschrieben, oder? Und es ist auch richtig, seine Sicht der Dinge darzustellen. Nur ist es eben nicht der richtige Ansatz, die Menschen und deren Kultur von vornherein zu verurteilen. Besser ist es, zuallerst zu versuchen, die Denk- und Handelsweise des anderen zu verstehen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn es beide Seiten tun, entsteht schon ein fruchtbarer Boden für einen gelungenen Dialog. Nur hierfür ist es eben notwendig, dass man in einen Dialog tritt. (Und das klappt am Besten auch immer erst, wenn beide Betroffenen dies mit gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und der Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen-Wollen tun.)

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