Zwei Seiten einer Medaille. Warum interkulturelle Kompetenz in Geschäftsbeziehungen so wichtig ist

„Meinst du es gibt wirklich einen Markt für dein Angebot, Julia?“ Diesen Satz höre ich tatsächlich ziemlich oft. Und schüttele nur den Kopf. Klar gibt es einen Markt dafür! Nur ist er sich dessen noch nicht bewusst. Und die Folgen sind: Missverständnisse und Konflikte am Arbeitsplatz, gescheiterte Projekte – und Verfestigung von Vorurteilen gegenüber Menschen anderer Kulturen, ganz nach dem Motto: „Die sind halt so!“

Warum interkulturelle Kompetenzen mehr denn je gebraucht werden, vor Allem in Geschäftsbeziehungen, möchte ich dir anhand zweier Fallbeispiele zeigen.

Zwei Fallbeispiele von misslungener interkultureller Zusammenarbeit

Die internationalen Geschäftsbeziehungen deutscher Unternehmen sind innerhalb der letzten Jahrzehnte rasant gewachsen. Dank der Globalisierung und zunehmender Einwanderung von ausländischen Fachkräften sind auch die Teams internationaler geworden. Die kulturellen Unterschiede bringen Vielfalt auf diversen Ebenen mit, stellen aber auch alle Beteiligten vor neue Herausforderungen.

Fallbeispiel 1: Auf einer Cocktailparty in Tokio

Ein junger amerikanischer Firmenrepräsentant wollte die Verbindungen zum Präsidenten einer japanischen Partnerfirma auf eine freundschaftliche, dauerhafte Basis stellen. Immerhin haben sie schon mehrere Monate zusammengearbeitet, dennoch war das Verhältnis zwischen ihm und diesem einschüchternd würdevollen, älteren Herrn noch immer sehr förmlich. Diese beschloss er eines Tages auf ein neues Level zu heben.

Auf einer Cocktailparty in Tokio näherte er sich dem Präsidenten, klopfte ihm jovial auf die Schulter, und sprach in seinem gebrochenen Japanisch, für die Umstehenden deutlich vernehmbar, so etwas wie: „Hey, schön Sie hier zu sehen, alter Bock.“

Der Präsident wurde aschfahl, verließ grußlos die Party und kündigte innerhalb der nächsten Tage die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Firma auf.

Fallbeispiel 2: Auf einem Flughafen in Frankfurt

Herr Schmid, Chef eines multinationalen Unternehmens mit Sitz in Frankfurt, erwartet Besuch von seinem chinesischen Geschäftspartner Herrn Wang.

Ausgemacht war, dass dieser vom Flughafen abgeholt und zum Hotel gefahren wird. Am Tag der Ankunft schickt Herr Schmid seine Praktikantin Tina zum Flughafen.

Kurze Zeit später ruft Tina total aufgelöst an und sagt, Herr Wang sei ziemlich aufgebracht gewesen, als er sie gesehen hat, habe er sich geweigert, in ihr Auto zu steigen und sei laut schimpfend wieder zurück in sein Flugzeug gestiegen. Später per e-Mail wurde Herrn Schmid mitgeteilt, dass der Auftrag seitens Herrn Wang zurückgezogen wurde.

„Huch! Was ist denn hier passiert?“ Die eine Perspektive

Offensichtlich ist hier etwas ordentlich schief gelaufen, denn niemand würde einen so wichtigen geschäftlichen Auftrag so leichtherzig aufkündigen – vor Allem wenn er über Ländergrenzen hinweg abgewickelt wird!

Es muss also einen richtig triftigen Grund dafür gegeben haben.

Wenn wir die beiden Situationen zunächst einmal aus der einen Perspektive analysieren, würden wir wahrscheinlich zu folgenden Reaktionen und Rückschlüssen kommen:

Fallbeispiel 1: Aus Sicht des amerikanischen Firmenrepräsentanten

Wahrscheinlich würde er zunächst einmal gar nicht verstehen, was passiert ist. Wäre perplex. Würde sich fragen: „Hä, was ist denn jetzt passiert? Warum hat der Präsident so plötzlich seinen Auftrag und seine Zusammenarbeit beendet?“ Er wäre höchstwahrscheinlich: verständnislos, empört, aufgebracht, wütend, ahnungslos, besorgt (immerhin war es ein wichtiger Auftrag!).

Fallbeispiel 2: Aus Sicht von Herrn Schmid

Auch hier wäre er wahrscheinlich vor den Kopf gestoßen, würde verständnislos und vielleicht sogar ein wenig (ein wenig sehr!) verärgert und aufgebracht reagieren. Ganz nach dem Motto: „Wie undankbar kann man bloß sein!“ Immerhin hat er und seine Firma weder Kosten noch Mühen gescheut, um ihn hier in Deutschland zu empfangen, ihm ein Hotelzimmer gebucht und ihm sogar die Mühe des Taxifahrens ersparen wollen.

„Oh – das ist passiert!“ Die Perspektive der Anderen

Es muss also einen richtig triftigen Grund dafür gegeben haben. Der japanische Präsident und der chinesische Geschäftspartner fühlten sich offenbar so sehr auf den Schlips getreten, dass eine weitere Zusammenarbeit unvorstellbar geworden war.

Wir sind hier im Bereich der Geschäftsbeziehungen, die sich in interkulturellen Kontexten bisweilen stark voneinander unterscheiden. Wir sind im Bereich von unterschiedlichen Auffassungen davon, wie sich Mitarbeiter innerhalb der beruflichen Hierarchien zu verhalten haben. Auffassungen, die allzu oft für Missverständnisse untereinander sorgen und sogar dazu führen, dass ca. 40% internationale Projekte scheitern.

In amerikanischen und deutsch(sprachigen) Unternehmen sind wir wohl eher dazu geneigt, die Hierarchien eher „flach“ zu halten. Auch das Thema Alter und Status werden anders bewertet als dies etwa in japanischen oder chinesischen Unternehmen der Fall ist.

Daher wäre es im Falle des amerikanischen Mitarbeiters wohl kaum zu einem solchen Fauxpas gekommen, wenn er seinem Chef mal eben freundschaftlich auf die Schulter geklopft und ihn so flapsig angesprochen hätte.

Auch im Falle von Herrn Schmid wäre die Situation anders ausgegangen, immerhin ist es gang und gäbe, dass der Chef, der ja ohnehin schon viel um die Ohren hat, mal eben kurz seine Praktikantin schickt, um seinen Gast abzuholen.

Genau hier sind aber die beiden „Missetäter“ in interkulturelle Fettnäpfchen getappt: Sie haben nämlich Handlungen aus ihrer „gewöhnlichen“ Situation auf eine mit interkulturellem Kontext zu übertragen versucht – und sind dabei kläglich gescheitert.

Denn im ersten Beispiel ist es nun mal so, dass es in japanischen Firmen nicht „normal“ ist, bzw. sich nicht „gehört“, dass jüngere Mitarbeiter zu ihren älteren Kollegen einen so „kameradschaftlichen“ Ton pflegen. Hier spielt zum Einen die Auffassung von Hierarchie eine Rolle, aber auch die des Alters. Die Handlung des amerikanischen Mitarbeiters war einfach aus Sicht des japanischen Präsidenten respektlos.

Ähnlich erging es Herrn Schmid im zweiten Beispiel: Hier spielen unterschiedliche Auffassungen von „Status“ eine Rolle. In diesem Fall war es so, dass der chinesische Geschäftskunde die Entscheidung seines deutschen Geschäftspartners, ihn nicht persönlich vom Flughafen abzuholen, als „respektlos“ und dem seines Status „nicht würdig“ empfunden hat.

„Die sollen sich mal nicht so haben“ ist die absolut falsche Reaktion!

„Das ist aber eine total übertriebene Reaktion. Die sollen sich nicht so haben.“ Solche Gedanken können vielleicht mal als erstes kommen, doch führen sie meist nicht zu verbesserten Geschäftsbeziehungen, sondern eher zum Gegenteil. Und sollten daher so schnell wie möglich überwunden werden.

Denn es ist nun mal so: Menschen wachsen in unterschiedlichen Kulturen auf. In jeder Kultur haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Auffassungen über Gott und die Welt entwickelt. So auch über Dinge wie „Arbeit“, „Alter“, „Respekt“, „Status“ etc.

Solange du mit Menschen zu tun hast, die so wie du in der selben Kultur groß geworden sind, habt ihr gleiche/ähnliche Auffassungen. Ihr versteht euch, ohne miteinander darüber reden zu müssen. Ihr versteht euch sogar komplett unbewusst!

Wenn ihr aber auf Menschen trefft, die nicht aus dem gleichen kulturellen Kontext kommen, unterscheiden sich deren Auffassungen. Weil auch dies unbewusst geschieht, passiert eben das: Zwei völlig unterschiedliche Auffassungen treffen aufeinander. Et voilà: Es kommt zu Missverständnissen hier z.B. was „sich gehört“ und was eben nicht.

Was hilft: Der Wechsel der Perspektiven

Was zeigen uns nun diese Beispiele? Wir nehmen unsere Welt immer aus unserer Perspektive wahr. Und bewerten diese auch. Wir drücken ihr den Stempel auf, was „richtig“ ist und was nicht.

Ein Blick über den eigenen Tellerrand sowie der Versuch, die Ansichten, Auffassungen und Motive der anderen Seite zu verstehen, zeigt jedoch, dass deine Sicht der Dinge nur eine von vielen ist. Und vor Allem: Dass deine Sicht der Dinge nicht die „richtigere“ ist, sondern schlichtweg eine „andere“.

Wenn du dir dieser unterschiedlichen Ansichten bewusst wirst, sie annimmst, und aus dieser Situation lösungsorientierte Handlungsstrategien entwickelst, sprich unterkulturell kompetent handelst, werden dir solche Fauxpas nicht (mehr) so oft vorkommen.

Und nun eine Frage an dich: Hast du dich auch schon mal in solchen Situationen wieder gefunden, in denen du vermeintlich „richtig“ gehandelt hast, dein Gegenüber aber sich komplett vor den Kopf gestossen gefühlt hat? Wie hast du reagiert? Erzähl es mir in den Kommentaren!

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