FREMDE, VÖLKER UND KULTUR – DER FORSCHUNGSGEGENSTAND DER ETHNOLOGIE

Was haben Geographie, Zoologie und Astronomie gemeinsam? Sie werden nach ihrem Forschungs-GEGENSTAND benannt. Wie die meisten wissenschaftlichen Disziplinen. Während sich die Geographie buchstäblich der Erd-Beschreibung widmet, die Zoologie die Tiere und die Astronomie die Sterne erforscht, tat Ethnologie das, was ihr Name sagt: sie erforschte fremde Völker. Doch dieser Fokus hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Also – fast.

 

Signalwörter „VOLK“ und „FREMD“

Will man entsprechend den oberen Beispielen den Begriff ETHNOLOGIE unter die Lupe nehmen, dann ist Ethnologie die Lehre (gr. „logos“) von „Fremden“ (gr. „ethnos“) – und meint damit: „fremde Völker“. Im alten Griechenland waren dies alle Menschen, die nicht Griechen waren. Zeitweise verwendete man den Begriff „Völkerkunde“, um sich auch von der Nachbarwissenschaft Volkskunde abzugrenzen. Denn während die letztere sich der Erforschung eines Volkes widmet(e), überwiegend sein eigenes, lag das Interesse der Völkerkundler und wie der Begriff „ethnos“ es nahe legt, an jenen, die eben „nicht von hier“, also „fremd“ waren.

 

Der Rest ist für uns! Ethnologie als „Restewissenschaft“

Die Ethnologie entwickelte sich im 18. Jahrhundert zum Teil aus den Geschichtswissenschaften, zum Teil aus der Geographie (Link zum vorigen Blog). Doch während sich die Historiker mit Staaten und Herrschaften befassten, konzentrierten sich die Ethnologen zu Beginn ihrer Fachgeschichte auf die unbekannten, noch nicht behandelten oder gar vernachlässigten (Natur-)VÖLKER. Aber auch der Aspekt des Fremden, der Fremdheit und des Fremdverstehens reizte die neuen Forscher sehr, handelte es sich schließlich um außereuropäische Völker bzw. um Völker außerhalb der asiatisch-europäischen Hochkulturen.

Zwar gab es bereits Wissenschaften, die sich explizit der Erforschung bestimmter Völker und (Hoch-)Kulturen widmeten. Etwa Wissenschaften, die sich ausschließlich mit einem Volk befass(t)en (Ägyptologie, Sinologie, Indologie, Orientalistik). Oder mit sog. „Hochkulturen“ (also Kulturen mit Schrift, etc.). Oder Wissenschaften zu Europa, also zur eigenen Kultur oder eigenem Kulturkreis (diese umfassen sogar mehrere Disziplinen: Germanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Politologie, Soziologie, Volkskunde etc.).

Aber es gab ganze Kontinente, mit deren Bevölkerung sich noch keiner richtig befasste: Amerika, Australien, Afrika und der Großteil Asiens. Also kamen dann wir 🙂 Hans Fischer nannte die Ethnologie daher gern auch mal „Restewissenschaft“. Und auch wenn ich anfangs den Begriff irgendwie negativ auffasste, änderte ich schon bald meine Meinung.

(Pssst: Du musst einfach deine Perspektive ändern 😉 )

FOKUS: Wir erforschen VÖLKER

Auch wenn sich der Forschungsgegenstand in der Ethnologie heutzutage nicht in einem Atemzug sagen lässt, angefangen haben die Ethnologen mit dem Erforschen der noch völlig unbekannten Völker und Gesellschaften. Doch allein schon die Bezeichnungen, die man für diese Menschengemeinschaften wählte, zeigen, dass es immer wieder auch eine Frage des Zeitgeistes war und ist, die die Fragestellungen des Faches diktiert/e.

 

Entwicklung, Baby!

Man sprach von „WILDEN“, „BARBAREN“ und „PRIMITIVEN“ und versuchte damit, die STADIEN der allgemein menschlichen Entwicklung aufzeigen, deren höchstes Stadium die „Zivilisation“ ist. Denn ursprünglich ging man davon aus, dass menschliche Entwicklung zwangsläufig so verläuft, dass sie in der „modernen Zivilisation“ landet. Natürlich meinte man damit die moderne westliche Zivilisation. Diese Denkrichtung bezeichnen wir als Evolutionismus. Und haben diesen (im Idealfall) längst abgelegt.

 

Naturvölker ohne Kultur?

Mit der Bezeichnung „NATURVÖLKER“ versuchte man die Gemeinschaften als sehr naturnah und von der Gesellschaft unverdorben zu skizzieren. Man verwendete den Begriff „Natur“ als Gegensatz zu „Kultur“, wobei KULTUR als Synonym für „Zivilisation“ herhalten musste. Später kam eine eher technologische Umdeutung hinzu und man sprach von Völkern „in stärkerer Abhängigkeit von der Natur“ oder „mit geringerer technologischer Ausrüstung (zur Beherrschung der Natur)“. Als Ursache für deren nicht ganz so gute „Entwicklung“ machte man oft die geographische Randlage verantwortlich, wie der Begriff „Randvölker“ nahe legt.

Irgendwann allerdings kam die Erkenntnis: „es gibt keine menschliche Gemeinschaft ohne Kultur im ethnologischen Sinne einer Lebensweise“. Der Begriff „Naturvölker“ wanderte in die Geschichtsbücher. In ethnologischen Kreisen. Anderswo wird er immer noch verwendet und löst bei so manchem Ethnologen eine leicht genervte Verdrehung der Augen bzw. den Wunsch zur Diskussion und „Richtigstellung“. 🙂 

Menschenskinder, wo ist denn eure Geschichte?

Als Nachkommen der Geschichtswissenschaften wollten auch die Ethnologen die Geschichte dieser Völker notieren. Diesen kühnen Plan machten sie allerdings ohne die Gegenseite und mussten feststellen: Die meisten dieser Völker besaßen gar keine Schrift. Also gab es auch keine schriftlichen Überlieferungen und historische schriftliche Quellen zum Auswerten. Es mussten daher neue Methoden zur Geschichtsaufklärung her. Viele ethnologische Fachrichtungen widmeten sich von nun an dieser Aufgabe wie etwa die Forschungsfelder Kulturkreislehre, Historische Ethnologie oder Ethnohistorie.

 

Struktur bitte!

Im englischsprachigen Raum verstand sich die Ethnologie als Teil einer allgemeinen Kulturgeschichte (als social anthropology, die wiederum Teil einer comparative sociology, einer verglei
chenden Soziologie, war). Man suchte also
nach Strukturen und Elementen von Gesellschaften, sowie nach deren Gesetzmäßigkeiten. Und da es einfacher ist,Gesetzmäßigkeiten in einfachen Verhältnissen ausfindig zu machen, schien es sinnvoll, mit sog. simple societies zu beginnen, mit kleinen überschaubaren Gemeinschaften. Daher suchte man sich eine möglichst isoliert lebende Gemeinschaft aus, und erforschte deren Kultur in all ihren Facetten.

 

 

Darf man das denn noch sagen? Diskussion um Begriffe

Irgendwann entbrannte eine Diskussion um die Begriffe „Volk“ und „Ethnos“. Man fand heraus, dass manche von Ethnologen erforschten Gemeinschafen keine „Völker“ waren, sondern in viel kleineren Einheiten wie etwa „Horden“, „Stämmen“, oder „Lokalgruppen“ organisiert waren.

Man sprach von „Stammesgesellschaften“, um einen „vor-volklichen“ Zustand auszudrücken und meinte damit: vor-staatlich, vor-industriell. Oder man sprach von „underdevelopped societies“.

Eine verwirrende Vielzahl von Bezeichnungen für den Forschungsgegenstand hat sich angesammelt. Ein Indiz dafür, dass sich der Umfang der zu erforschenden und untersuchenden Inhalte enorm angewachsen ist.

 

Hilfe, mein Forschungsgegenstand hat sich aufgelöst!

Die Erforschung der „Naturvölker“, der „vorindustriellen“, „vorstaatlichen“, „unterentwickelten“, „primitiven“ etc. Gesellschaften bildete also lange Zeit einen bedeutenden Schwerpunkt in der Ethnologie.

Bis irgendwann die Erkenntnis kam: Diese Völker und Gesellschaften: Auch sie haben sich verändert bzw. verändern sich. Ständig! Aus vorstaatlichen sind Teile des modernen Staates geworden, unterentwickelte haben sich entwickelt, schriftlose haben Schriftsysteme und Schulsysteme eingeführt. 

Vom Werden zum Vergehen

Es gab keine Zweifel mehr: Der Forschungsgegenstand als solcher löste sich auf. Dennoch bleibt dieser Schwerpunkt – das möglichst ganzheitliche Erforschen indigener Gesellschaften in all ihren kulturellen Aspekten – weiterhin von Bedeutung, wenn es etwa um allgemeine Fragen menschlicher Kulturen oder um Kultur an sich geht. Besonders für interkulturelle Vergleiche ist es von großem Wert, Beispiele über diverse kulturelle Aspekte aus verschiedenen Gesellschaften anführen zu können, um etwa auf eine spezifische Ausprägung menschlicher Kultur verweisen zu können.

 

FOKUS: Wir erforschen KULTUR

Ein weiteres Steckenpferd, das die Ethnologie im Stall stehen hat, neben „Ethnos“ und „Völker“ ist die KULTUR.

Unter Kultur versteht man im Großen und Ganzen die in menschlichen Gemeinschaften gemeinsamen „Muster von und für Verhalten, die nicht veranlagt und vererbt, sondern entwickelt oder übernommen, tradiert und vermittelt sind.“

Seit spätestens dem 19. Jahrhundert geht man in der Ethnologie davon aus, dass die Menschheit auf physischer Ebene eine Einheit darstellt. Jeder Mensch hat die gleichen Anlagen (und somit auch eine gemeinsame Abstammung). Wenn sich also Gemeinschaften unterscheiden, dann liegen die Unterschiede in ihrer Kultur (und nicht in der Natur des Menschen). Und eben diese Verschiedenheit bzw. Vielfalt von menschlichen Gemeinschaften und Lebensweisen ist das, was uns als Ethnologen interessiert und was wir zu erforschen versuchen.

  • Wie konnten sich menschliche Gemeinschaften so unterschiedlich entwickeln?
  • Was waren die Ursachen dafür? Andererseits fand man auch Übereinstimmungen zwischen weit entfernten Kulturen.
  • Wie kam es dazu?
  • Gab oder gibt es womöglich Universalien menschlicher Kultur?

Diese und viele viele andere Fragen trieben und treiben Ethnologen an.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt, der sich innerhalb der Ethnologie schon recht früh heraus kristallisierte, war das Thema Globalisierung. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die Ethnologen, Prozesse des Kulturwandels und der Akkulturation, die Auswirkungen der Globalisierung auf Länder, Städte, Gangs, Organisationen, Fabriken, Behörden – sowohl auf die „fremden“ als auch auf die jeweils eigene Gesellschaft – zu erforschen. Und deren Ergebnisse sind gewiss von monumentaler Bedeutung für die Gesellschaft. Ein Jammer, dass dies niemandem bewusst ist.

Vorsicht, das Studieren von Ethnologie enthält Nebenwirkungen!

Die Ethnologie geht also von der Annahme aus: Fremd sind mir alle Lebensweisen und alle Kulturen bis auf die eigene. Schon bald merkten die Forscher aber, dass sie, sobald sie eine längere Zeit im Ausland, innerhalb einer „fremden“ Kultur verbrachten bei der Rückkehr plötzlich ihre eigene Kultur mit anderen Augen, mit einem „fremden“ Blick zu betrachten begannen. Sie erkannten, dass man durch die Untersuchung des Fremden in der Lage war, das Eigene, angeblich Bekannte (besser) zu verstehen. Durch die Sichtweisen des Fremden konnte man oft die Sichtweisen des Eigenen verdeutlichen. Und das ist ein Nebeneffekt der Ethnologie, der zu gravierenden Konsequenzen führt: Man lernt nicht nur etwas über die Fremden, sondern etwas über sich selbst.  

Zurecht sagte Clyde Kluckhohn einmal, Ethnologie sei „Mirror for Man“, in dem er sich selbst widerspiegelt und besser versteht.

 

Wir sind Villa Kunterbunt!

Ich habe versucht, eine Art Genese nachzuzeichnen, was zum Forschungsgegenstand der Ethnologie zählte als auch wie sich dieser immer wieder mal änderte. Und hoffe, dies ist mir einigermaßen gut gelungen.

Wie man sieht, wanderte der Fokus der Ethnologie von den NATURVÖLKERN hin zu FREMDEN VÖLKERN, bis er sich auf ALLE VÖLKER und KULTUREN ausweitete und sich letztlich dem Forschungsgegenstand KULTUR führte.

Aber: keines der Forschungsgegenstände ist komplett aus den Lehrräumen verschwunden. Sie werden auch heute noch erforscht und gelehrt, jetzt aber aus einer historischen, selbstkritisch reflektierender Perspektive – und generell immer nur unter Einbeziehung des Gesamtkontextes.

Vielleicht macht gerade diese Kunterbuntheit den Ethnologen für den Arbeitsmarkt so un(be-)greifbar. Wir sind eben Individuen auch in beruflicher Hinsicht. Wir sind die Summe unserer Interessen, nach denen wir unsere Seminare aussuchten, die Summe unserer Forschungsschwerpunkte, die wir bereits im Grundstudium auswählen konnten, die Summe unserer Auslandserfahrungen, die wir im Laufe des Studiums gemacht haben.

Unsere Lehrpläne und individuelle Studienwege weisen eine solch enorme Vielfalt auf – so vielfältig wie die menschliche Kultur selbst – sodass es nicht verwundert, wenn der Arbeitsvermittler verrückt wird, wenn wir vor ihm sitzen und uns als „Ethnologe“ vorstellen. Für uns Ethnologen gibt es kein klar definiertes Arbeitsfeld.

Es liegt an uns, für unsere Fähigkeiten und Expertise die Werbetrommel zu schlagen. Wir müssen laut und deutlich sagen, wer wir sind, und was wir können. Weil es sonst niemand anderer tun wird. 

 

Eure Julia <3

 

(Der für diesen Artikel zugrunde liegende Text: „Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin“, von Hans Fischer. <3lichen Dank dafür!)

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